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Advent, Advent,... 

„Krääähhh“ machte es. „Kräähhhh!“
Marguerite nahm ihr Kissen und stülpte es sich über ihren Kopf. Warum musste dieser blöde Vogel direkt vor ihrem Fenster sitzen und Lärm machen? Das ganze ging nun schon fast eine Stunde so und Marguerite stellte sich schon vor, wie dieses Federvieh wohl zum Mittagessen schmecken würde.
„Kräääähhh!“
Wütend stand sie auf und tappte auf bloßen Sohlen zum Fenster, riss die Läden auf und erschreckte so den Vogel zu Tode.
„Krrrääääääähhhhh“ schrie das schwarzgefiederte Tier noch lauter als zuvor und rettete sich zwei Äste höher, machte aber keinerlei Anstalten, woanders hinzufliegen. Stattdessen krähte der Vogel von da oben munter weiter.
„Warum gehst du nicht woanders hin zum krähen?“ rief Marguerite empört. Der Vogel sah sie nur mit schiefem Kopf an. „Ich will schlafen!“
„Krääähhh“ war seine Antwort darauf.
„Sch, sch“ machte Marguerite und wedelte mit den Händen hin und her, doch er ließ sich davon in keinster Weise beeindrucken. Ja, es schien sogar so, als ob ihm das ganze Spaß machen würde!
„Kräähh“ rief er schadenfroh.
„Schön, okay“ rief Marguerite frustriert. „Du hast es geschafft, ich werde aufstehen! Aber wage es ja nicht, noch einmal hier früh morgens aufzukreuzen und solchen Lärm zu machen! Du hast Glück, dass ich kein Gewehr hier habe!“

„Marguerite, mit wem redest du denn?“ rief Roxton von unten herauf. Er war gerade mit Holzhacken beschäftigt und verfolgte das Spektakel mit einem Grinsen.
„Dieser Vogel hier bringt mich um meinen Schlaf“ rief sie hinab, worauf der Vogel wieder zu krähen anfing. Roxton lachte nur.
„Kannst du ihn nicht erschießen?“ fragte sie ihn.
„Ich wüsste nicht wozu! Unsere Vorratskammern sind voll aufgefüllt! Außerdem ist an dem doch gar nichts dran!“
„Typisch“ murmelte Marguerite und schloss die Fensterläden wieder. Nicht mal auf Roxton konnte man sich noch verlassen!
Sie streckte sich kurz und gähnte laut, bevor sie ihr Nachthemd auszog und ihren Rock und eine weiße Bluse anzog. Die Haare machte sie nur mit einer Spange notdürftig nach hinten fest.
„Und wieder ein weiterer Tag in dieser grünen Hölle“ seufzte sie schwermütig und machte sich auf den Weg in die Küche. Sie hoffte inständig, dass noch etwas Kaffee übrig war.

„Oh gut dass du kommst Marguerite!“ rief Veronica schon von weitem.
`Oh nein` dachte Marguerite. `Was hat sie denn nun schon wieder vor?`
„Ich kann nicht kochen, schon vergessen?“ fragte sie stattdessen und setzte sich an den Küchentisch. „Sag mal was tut das Ding denn da?“ fragte sie und deutete auf ein liebevoll geflochtenes Gesteck mit vier Kerzen. Eine davon brannte.
„Heute ist der erste Advent und das ist ein Adventskranz, Marguerite“ erinnerte Veronica sie gut gelaunt. „Wir haben die letzten drei Jahre nie richtig Weihnachten gefeiert, und ich finde, wir sollten das langsam mal tun!“
„Nicht dein Ernst oder?“ fragte Marguerite frustriert.
„Doch!“ rief Veronica aus. „Als ich noch klein war, haben meine Eltern und ich hier immer ganz toll dekoriert und es gab Geschenke und ein tolles Essen. Die anderen waren alle begeistert von meinem Vorschlag. Bis Weihnachten ist ja noch ein wenig Zeit, die können wir uns mit dekorieren, Plätzchen backen und Geschenke machen vertreiben!“
„Nun ich werde gerne Geschenke für euch alle besorgen, aber erwarte nicht, dass ich die nächsten vier Wochen mit einem Dauergrinsen hier rumlaufen werde und Weihnachtslieder singen werde!“
„Was ist so schlimm daran?“ fragte Veronica verblüfft.
„Alles! Ich hab Weihnachten noch nie gefeiert und werde es auch nie richtig feiern. Aber den Wein und das Essen mach ich gerne mit!“
Somit stand sie auf und ging Richtung Fahrstuhl.
„Warte wo willst du hin! Ich dachte, du könntest mir vielleicht helfen, die Dekoration...“
„Ich denke Finn kann das viel besser als ich“ war Marguerites Kommentar, bevor sie auf den Knopf drückte, der den Fahrstuhl nach unten beförderte.

„Seltsam“ murmelte Veronica, als Marguerite weg war.
`Sie muss es nicht leicht gehabt haben, früher` dachte sie weiter. `Dass sie Weihnachten so hasst, hätte ich nicht gedacht! Ich glaube es sogar jetzt nicht! Vielleicht lässt sie sich ja doch noch umstimmten.`

***

Roxton war so vertieft in seine Arbeit, dass er Marguerite gar nicht bemerkte, als sie mit dem Fahrstuhl unten ankam. Er holte gerade wieder mit der Axt aus, als Marguerites Stimme dazwischenkam.
„So ein Blödsinn!“ rief sie frustriert. Roxton fiel vor Schreck die Axt aus der Hand. Glücklicherweise verletzte er sich dabei nicht, er war aber trotzdem etwas sauer auf Marguerite.
„Sag mal kannst du mich nicht vorher warnen, wenn du hier so rumbrüllst? Ich hab ich fast zu Tode erschreckt und hätte mich dabei mit der Axt aufspießen können! Ist es das was du wolltest?“
„Tut mir leid, dass du nicht gehört hast, wie der Fahrstuhl nach unten gefahren ist!“ gab sie bissig zurück. Sein Kommentar machte ihre Laune nicht gerade besser. „Das ist ja so ein leises Geräusch, dass man es gar nicht hört!“
„Ich war eben beschäftigt und hab es nicht mitbekommen“ verteidigte er sich. „Außerdem warum hast du nur so eine schlechte Laune? Nur weil dieser Vogel dich geweckt hat?“
„Es ist eine Sache wenn man mich nicht ausschlafen lässt. Oder wenn kein Kaffee mehr da ist. Aber es ist eine andere wenn man mir in aller Herrgottsfrüh ankündigt, dass in den nächsten vier Wochen hier gute Laune angesagt ist! Ich hab keine Lust auf Weihnachten! Wir haben das noch nie richtig gefeiert, warum sollten wir es also dieses Jahr anders machen?“
„Wieso nicht Marguerite? Es tut uns allen mal gut, ein wenig gemeinschaftlich beisammen zu sitzen und etwas zusammen zu machen. Auch dir!“ meinte er.
„Pah“ war ihr einziger Kommentar darauf.
„Veronica hat sogar als sie allein war immer ein Fest gemacht. Sie litt schwer darunter, dass wir das immer so schleifen lassen haben. Challenger und ich haben schon ewig kein richtiges Weihnachten mehr gehabt und Finn sogar noch gar nie!“
„Na und?“ fragte sie genervt. „Ich hab auch noch nie Weihnachten gefeiert, beschwere ich mich deswegen etwa?“
„Du...hast noch nie?“ Roxton konnte es kaum glauben.
„Nein, und ich bin auch nicht scharf drauf!“ war ihre Antwort.
„Aber...als du klein warst...ich meine jedes Kind freut sich auf Weihnachten“ meinte er verwirrt.
„Du hast doch keine Ahnung! Lass mich einfach in Ruhe! Von mir aus könnt ihr ja dieses sinnlose Fest feiern, aber ohne mich!“ rief sie wütend und lief in den Jungel.
„Warte Marguerite“ rief Roxton hinter ihr her. „Wo willst du hin?“
„Ich brauch mal dringend frische Luft“ rief sie über ihre Schulter und ließ das Türchen zum elektrischen Zaun wieder zufallen, nachdem sie draußen war.
„Soll ich nicht mit....“ fing er an, doch sie drehte sich nur wütend um.
„Ich kann gut auf mich allein Acht geben, Roxton. Hack lieber etwas mehr Holz, es könnte ganz schön kühl werden heute Nacht!“

Roxton sah ihr eine ganze Weile fassungslos nach. Was hatte das alles zu bedeuten? Er nahm sich fest vor, heute noch einmal mit ihr darüber zu reden, irgendwie würde er schon zu ihr vordringen können – das hoffte er jedenfalls.
„Roxton!“ rief Finn von oben herunter. „Rooooxton!“
Er erschrak zum zweiten mal heute morgen und blickte nach oben, wo Finn am Balkon stand.
„Was ist?“ rief er hinauf.
„Veronica und ich brauchen mal deine Hilfe“ bat sie.
„Ist gut, ich komme!“

Oben sah es aus wie Kraut und Rüben. Überall lag Lametta, Zierbänder, Lichter und sonstiges Weihnachtszeug herum.
„Wow, wo habt ihr denn das alles her?“ wunderte sich Roxton.
„Das ist noch von meinen Eltern“ sagte Veronica mit einem leicht traurigen Unterton in ihrer Stimme.
„Das sieht wunderschön aus“ meinte er. „Und wie kann ich euch nun behilflich sein?“
„Beim Anbringen der Lichterkette. George hat sie so präpariert, dass man sie gut an den Transformator anschließen kann. Wir haben’s schon ausprobiert, es funktioniert einwandfrei. Nun müssen wir sie nur noch aufhängen, und zu zweit geht das ein wenig schlecht“ erklärte Finn. „Sag mal wo ist denn Marguerite?“
Roxton seufzte. „Auf einem kleinen Spaziergang.“
„Wieso das denn?“
„Sie hat keine Lust, Weihnachtsdekoration aufzuhängen“ mischte sich nun auch Veronica ein.
„Dann kann sie ja was anderes machen“ schlug Finn vor.
„Sie hat keine Lust, irgendetwas zu tun, was mit Weihnachten zusammenhängt, Finn“ sagte Veronica. „Ich weiß auch nicht warum.“
„Das ist ja übel...ich meine ich hab das noch nie erlebt, sie könnte sich schon ein wenig anpassen, finde ich!“
„Ja aber das ist alles nicht so einfach Finn“ kam nun Roxton wieder zu Wort. „Ich schätze mal, es geht tiefer. Ich werde nochmal mit ihr reden, heute Abend. Vielleicht kann ich ja doch noch was rausfinden.“
„Tu das. Du würdest uns allen damit helfen!“ seufzte Veronica.

***

Marguerite setzte sich auf einen umgefallenen Baumstamm am Ufer des Sees, in dem die Abenteurer immer schwimmen gingen. Sie hatte sich immer noch nicht ganz beruhigt und wippte nervös mit ihrem Fuß auf und ab.
„Weihnachten...tze“ murmelte sie genervt. „Was ist nur in die gefahren?“
`Das sinnloseste Fest überhaupt...dicht gefolgt von Ostern, Pfingsten, Geburtstagen und Namenstagen...wer braucht das denn?` dachte sie, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.
„Ich sicher nicht“ rief sie aus. „Ich brauch diesen ganzen Firlefanz nicht!“

„Kräääähhh“ machte es auf einmal.
„Oh nein, nicht schon wieder“ rief Marguerite frustriert und blickte in die Baumkronen hinauf. Nicht weit entfernt saß ein alter bekannter von ihr. Der Vogel.
„Wieso kannst du mich nicht in Ruhe lassen?“ rief sie wütend.
„Krääähähä!“ machte er.
„Und jetzt lachst du mich auch noch aus? Na warte!“ rief sie, zückte ihre Pistole und schoss auf das Tier. Doch er war schneller und flog mit einem lauten „Kräähhh“ davon. Marguerite hingegen setzte sich wieder auf den Baumstamm.
„Heute klappt auch gar nichts“ seufzte sie frustriert.

***
Nachmittags war die Dekoration fertig. Veronica und Finn hatten ihre ganze Phantasie spielen lassen und somit war der Hauptraum kaum wiederzuerkennen. Er erinnerte gar nicht mehr an einen Ort im Jungel. Die lange Lichterkette zog sie über den ganzen Raum hin, es hingen Gestecke mit roten und goldenen Bändern an der Wand und Figuren von Engeln und Sternen schmückten den Rest.
„Wow das haben wir ja richtig toll hinbekommen“ seufzte Finn.
„Ja“ strahlte Veronica. „Es ist fast so schön, wie damals als meine Eltern noch da waren. Danke Roxton, ohne dich hätte es nie so toll funktioniert!“
„Immer wieder gern“ grinste Roxton. „Aber ein Mistelzweig fehlt noch!“
„Oh stimmt! Es gibt welche nicht weit von hier, wir gehen morgen am besten mal hin und holen einen“ sagte Veronica und grinste Roxton an.
„Was?“ fragte er skeptisch.
„Ach nichts“ sagte sie und wechselte mit Finn einen amüsierten Blick. Sie dachte genau das selbe in diesem Moment.
„Sag mal Roxton, Marguerite ist schon ne ganze Weile fort, oder?“ fragte Finn.
„Ja...ich weiß“ meinte er besorgt. „Ich hätte nie im Leben zulassen dürfen, dass sie allein weggeht. Was, wenn ihr nun was zugestoßen ist?“
„Nun mal doch den Teufel nicht gleich an die Wand!“ sagte Veronica. „Sie wird schon wieder zurückkommen, sie muss eben nur ein wenig in sich gehen!“
„Wenn es nur das wäre...na ja wie auch immer, ich geh erst mal in mein Zimmer mich umziehen, bin ja völlig durchgeschwitzt“ sagte Roxton.
„Ja. Ich habe jedem von euch noch ein kleines Gesteck mit einer Kerze hingestellt, dass eure Zimmer auch ein wenig von der Atmosphäre abkriegen!“ sagte Veronica lächelnd.
„Marguerite auch?“ wollte Roxton wissen.
„Ja. Sie kann’s ja immer noch wegbringen, wenn es ihr nicht gefällt, aber ich finde, einen Versuch ist es wert!“
„Stimmt“ sagte Roxton und ging schließlich in sein Zimmer, während Veronica und Finn das Abendessen zubereiteten.

***

Marguerite hatte indessen genug vom rumsitzen und entschloss sich, wieder zurückzugehen. Sie hatte lange nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass sie vielleicht etwas überreagiert hatte. Vielleicht sollte sie doch etwas bessere Laune zeigen, wenigstens war sie es den anderen schuldig. Und Roxton hatte ja auch recht. Sie unternahmen in letzter Zeit sehr wenig miteinander und es war vielleicht gar nicht so verkehrt, das zu ändern. Vielleicht würde es ja doch ganz nett werden, dieses Weihnachtsfest und die Vorbereitung dazu.
Am Baumhaus angekommen, vernahm sie schon die leckeren Düfte des Abendessens und fuhr nach oben. Sie hatte heute noch so gut wie gar nichts gegessen und das machte sich langsam bemerkbar. Als sie aber oben ankam, musste sie schon etwas schlucken. Veronica und Finn hatten es – ihrer Meinung nach – doch etwas mit der Dekoration übertrieben.
„Marguerite da bist du ja wieder“ rief Veronica und kam aus der Küche hervor. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
„Wirklich?“ fragte Marguerite peinlich berührt. „Ich brauchte eben nur mal ein wenig Zeit für mich. Ich...ich möchte mich bei dir entschuldigen, dass ich heute morgen so unmöglich war. Tut mir leid!“
„Schon gut! Was hältst du von unserer Deko?“ fragte Veronica und deutete auf den reichlich geschmückten Raum.
„Hübsch...“ sagte Marguerite. „Aber auch etwas gewöhnungsbedürftig!“
Im nächsten Moment kam Roxton zur Tür hinein.
„Sag mal wo hast du denn so lange gesteckt?“ fragte er aufgebracht und stand mit verschränkten Armen vor sie hin. „Ich hab mir weiß Gott was gedacht!“
„Reg dich nicht so auf Roxton“ stöhnte Marguerite. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich selbst auf mich aufpassen kann. Sag mal Veronica, ist das Essen schon fertig, ich hab riesigen Hunger!“
„Ja sicher, ich wollte gerade alle rufen. Geht schon mal vor, ich hol dann noch George!“ sagte sie und ging davon. Marguerite drehte sich um und lief Richtung Esstisch, wo Finn gerade mit Tischdecken beschäftigt war. Roxton schüttelte nur den Kopf und lief hinter ihr her.

***

Das Essen verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Bald waren alle satt und weil Finn und Veronica den Abwasch machten, gingen alle anderen in ihre Zimmer.
Marguerite passte das sehr gut, sie wollte sich einfach nur hinlegen und schlafen. Sie hoffte nur inständig, dass morgen früh der Vogel nicht wieder vor ihrem Fenster sitzen und Krach machen würde.
Als sie ihr Zimmer betrat, entdeckte sie auf ihrem Nachttisch ein kleines Weihnachtsgesteck mit einer roten Kerze darin. Veronica hatte wahrscheinlich ihre Dekorationswut auf alle Zimmer verteilt. Aber nachdem das Gesteck das einzige war, das an Weihnachten erinnerte, ließ Marguerite es stehen und zog sich rasch um. Als sie dann in ihrem Nachthemd auf der Bettkante saß, starrte sie die kleine Kerze nachdenklich an. Sie hatte noch nie ein richtiges Weihnachten gefeiert. Die Geschichten über Truthahnessen, Liedersingen und Bescherung kannte sie nur vom Hörensagen.
Marguerite seufzte und griff zu der Packung Streichhölzern, die direkt neben dem Gesteck lagen. Sie holte ein Streichholz heraus, zündete es an und hielt die Flamme gegen den Docht, der daraufhin gleich zu brennen anfing. Wieso sollte sie gerade hier, im Jungel von Südamerika, umgeben von Dinosauriern und bei dreißig Grad Hitze Weihnachten feiern? Eine absurde Idee. Eigentlich hatte sie sich das immer ganz anders vorgestellt.

Auf einmal klopfte es leise und Marguerite fuhr herum. Wer könnte jetzt noch was von ihr wollen?
„Ja?“ fragte sie erstaunt und sogleich öffnete sich ihre Tür und Roxton spitzelte herein.
„Hallo, kann ich reinkommen?“ fragte er vorsichtig.
„Ja...sicher“ antwortete sie perplex. Er schien erleichtert zu sein, trat ein und schloss die Tür hinter sich wieder. Dann kam er näher und setzte sich zu ihr auf das Bett.
„Ich hatte gehofft, dass du noch wach bist“ sagte er leise und lächelte sie an.
„Da hattest du Glück, ich wollte gerade schlafen“ sagte sie und lächelte zurück.
„Hm“ machte er nur und sah auf die Kerze, die sie angezündet hatte.
„Du hast das hier tatsächlich behalten?“ fragte er gerade heraus und deutete auf das Gesteck.
„Nun, ich denke wenn man es nicht übertreibt, ist das ein netter Tischschmuck“ sagte sie und wurde etwas nervös. Sie wusste nun auch warum er gekommen war. Sicher wollte er noch mit ihr reden, wegen ihrem Verhalten heute Morgen.
„Es tut mir leid Roxton“ seufzte Marguerite. „Ich hatte eben schlechte Laune heute Morgen, ich weiß, das ist keine gute Ausrede, aber...“
„Ich bin froh, dass du deine Meinung doch noch geändert hast“ unterbrach er sie leise und sah sie an.
„Nun, ich weiß zwar nicht, warum wir hier Weihnachten feiern sollten, mitten im Jungel, bei der Hitze...ich habe immer gedacht, weihnachtliche Stimmung kommt nur auf, wenn draußen meterhoch der Schnee liegt und man drinnen gemütlich zusammensitzt, Glühwein trinkt und so weiter...“
„So ist es ja auch meistens“ meinte Roxton. „Aber der Sinn von Weihnachten ist ein anderer. Man ist mit den Menschen, die man gern hat , friedlich zusammen und man vergibt einander die Fehler, die man gemacht hat.“
„Und alle sind Freunde nicht wahr?“ fragte Marguerite sarkastisch.
„Ja“ sagte er erstaunt. „Du...“
„Ich kenne Weihnachten anders John“ sagte sie traurig. „Bei uns gab es immer Haferschleim zu essen, ob nun Weihnachten war oder nicht. Den ganzen Tag wurden wir entweder zum beten in die Kirche geschickt oder zum Spendensammeln auf die Straße. Abends gingen wir dann müde zu Bett und am nächsten Tag durften wir wieder um sechs aufstehen, wieder Spenden sammeln. Den ganzen Advent über.“
„Bei der Kälte?“ fragte Roxton geschockt.
„Ich hatte jeden Winter mindestens einmal die Grippe, aber das hat niemanden gestört. Meistens hab ich das wochenlang mit rumgeschleppt, ohne dass es besser wurde.“
„Das...das ist ja schrecklich...das hab ich nicht gewusst...tut mir leid Marguerite...“
„Ach schon okay“ spielte sie es herunter. „Es war nun mal so.“
„Aber eine Kindheit ohne Weihnachten ist doch nur eine halbe Kindheit!“ behauptete er.
„Ich hatte nicht mal eine halbe Kindheit John“ sagte sie wehmütig. Marguerite wusste selbst nicht, warum sie ihm das alles erzählte. Es kam einfach aus ihr raus, ohne dass sie darüber nachdachte.
„Weißt du was?“ fragte er und legte einen Arm um sie. Marguerite sah ihn nur erstaunt an.
„W...was?“ stotterte sie.
„Dieses Jahr wird das alles anders. Wir werden richtig Weihnachten feiern, mit allem was dazugehört!“
„Ich weiß nicht John...“ zweifelte sie. „Ich glaube für diese ganzen Dinge bin ich doch etwas zu...alt!“
„Unsinn“ widersprach er sanft. „Für gewisse Dinge ist man nie zu alt! Ich verspreche dir, dass wir ganz viel Spaß haben werden.“
„Na schön. Wegen mir“ gab sie sich geschlagen.
„Schön“ flüsterte er und kam ihrem Gesicht immer näher. „Ich hab mir vorher wirklich Sorgen gemacht, als du so lange weg warst, Marguerite!“
„Ich...ich hab doch gesagt, dass es keinen Grund dafür gibt, sich Sorgen zu machen. Ich musste eben nur nachdenken.“
„Über Weihnachten? Oder über uns?“ fragte er leise, seine Lippen waren nun ganz nah bei ihren. Sie sagte nichts mehr, sondern leckte sich nur nervös über ihre eigenen Lippen und sah ihm in seine warmen Augen.

***
Am nächsten Morgen wachte Marguerite wieder von den Schreien einer Krähe auf. Sie stöhnte genervt und tastete nach etwas...doch sie fand nichts! Verwirrt schlug sie die Augen auf und sah um sich, doch Roxton war nicht mehr da. Stattdessen krähte draußen munter irgend so ein Federvieh und Marguerite könnte schwören, dass es dieser eine Vogel von gestern wieder war.
Seufzend stand sie auf, wickelte das weiße Laken um ihren nackten Körper und trottete zum Fenster. Als sie es aufmachte schüttelte sie nur den Kopf.
„Ja klar hätt ich mir doch denken können“ sagte sie erschöpft und gähnte, als sie den Vogel sah, der ganz in der Nähe ihres Fensters saß.
Sie seufzte sie nur kurz, ging wieder in die Mitte ihres Zimmers, ließ das Laken auf den Boden fallen und zog ihre normalen Klamotten an. Roxtons Sachen lagen noch wild auf dem Boden verstreut und Marguerite fragte sich, wo er nur steckte.
Als sie fertig mit anziehen und auf dem Weg in die Küche war, zog sie plötzlich jemand zur Seite. Im nächsten Moment fühlte sie schon ein hungriges Paar weicher Lippen auf ihren, die sie eine ganze Weile in Besitz nahmen.
Marguerite war richtig außer Atem, als Roxton sich wieder von ihr löste und sie angrinste.
„Aha so läuft das also“ schmunzelte sie. „Du schleichst dich aus meinem Bett, obwohl ich es dir nicht erlaubt habe und dann versuchst du dich wieder einzuschmeicheln, indem du mir auflauerst!“
Roxton grinste nur und deutete mit dem Zeigefinger nach oben an die Decke. Marguerite folgte der Richtung, in die er zeigte und erblickte den Grund für Roxtons Überfall.
„Ein Mistelzweig!“ rief sie aus.
„Ja richtig. Ich bin mal aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen, da stieß Veronica mit mir zusammen. Sie sagte, ich solle sie begleiten, um ein wenig Obst zu sammeln. Da konnte ich eben nicht zurück in dein Zimmer sondern bin in meins und hab mir was frisches angezogen. Wir haben dann auch ein paar Mistelzweige gefunden...hat dir das eben nicht gefallen?“
„Das hab ich nicht behauptet!“ verteidigte sich Marguerite grinsend. „Aber ich würde eher sagen, es hat mich besänftigt.“
„Wieso das?“ fragte Roxton mit hochgezogener Braue.
„Nun, erstens musste ich allein aufwachen und zweitens hat dieser blöde Vogel heute schon wieder vor meinem Fenster gesessen“ erzählte Marguerite frustriert.
„Wirklich?“ fragte Roxton.
„Ja! Ich hab vielleicht grade mal vier Stunden geschlafen heute Nacht!“
„Na daran bin ja ich wohl schuld...kannst du mir verzeihen?“ fragte Roxton reumütig.
„Das ist was ganz anderes“ war Marguerites einziger Kommentar, bevor sie grinsend in Richtung Küche weiterlief.

Die anderen waren schon fast fertig mit frühstücken, aber sie hatten Marguerite noch ein wenig Kaffee übrig gelassen. Sie war überaus dankbar dafür, denn der Kaffee war recht stark und belebte ihre müden Muskeln wieder neu. Sie aß lediglich einen Apfel dazu.
„Ist das dein ganzes Frühstück, Marguerite?“ fragte Finn, als sie den Tisch mit Veronicas Hilfe wieder abräumte. „Ist aber nicht sehr gesund, so wenig zu essen!“
„Ich bring eben nicht mehr runter“ war ihr Kommentar darauf.
„Du siehst heute morgen auch nicht gerade sehr fit aus, wenn ich dir das mal so sagen darf“ meinte Finn besorgt.
„Ich habe auch nicht wirklich viel geschlafen letzte Nacht“ gab Marguerite zu bedenken.
„Ach...warum?“
„Sei nicht immer so neugierig Finn“ mischte sich Veronica ein, die gerade wieder ins Esszimmer kam.
„Heute früh hat mich dieser Vogel wieder geweckt“ murmelte Marguerite und gähnte herzhaft. „Wenn der morgen noch einmal dasitzt, dann...“
„Ich würde vorsichtig sein, in dem was du diesbezüglich tust“ gab Veronica ihr einen Rat.
„Wieso? Ist doch nur ein Vogel!“
„In einer Legende der Zangas ist die Rede von einem schwarzen Vogel, der Glück bringt. Wenn er jemand besucht, bleibt er meist ein paar Tage oder Wochen. Wenn man seinem Gesang lauscht und ihn in Ruhe lässt, bedeutet das dreiunddreißig Jahre Glück. Wenn man ihn verärgert oder sogar tötet, hat man dreiunddreißig Jahre Unglück.“
„Quatsch“ meinte Marguerite. „Ich glaube nicht an solche Ammenmärchen. Außerdem ist das kein Gesang was der abgibt, sondern nur ein paar krächzende Laute!“
„Wie du meinst“ seufzte Veronica. „Ich hab dir nur einen Rat geben wollen. Aber nun würde ich sagen, zurück an die Arbeit. Auch wenn Advent ist, haben wir noch jede Menge anderer Dinge zu tun!“

Marguerite brachte aber diese Geschichte von Veronica über den Vogel nicht mehr aus ihrem Kopf. Sie hatte schon viel Märchen und Seemannsgarn gehört, sie war ja schon viel herumgekommen in der Welt. Und vieles war wirklich totaler Humbug. Mit der Zeit bekam sie ein Gespür, welche Geschichten Unsinn waren und an welchen vielleicht etwas dran sein könnte.
Doch bei dieser Geschichte mit dem Vogel konnte sie sich einfach nicht festlegen. Das erste Mal nach sehr langer Zeit wusste sie nicht, was sie davon halten sollte.

***
In der folgenden Woche kam der Vogel jeden Morgen zu Marguerite und weckte sie. Anfangs war sie immer noch sehr verärgert darüber, doch sie beschloss, nichts dagegen zu tun. Diese Zanga-Sage ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und sie traute sich einfach nicht, dem Vogel etwas anzutun.
Als sie am Morgen des zweiten Advents in die Küche kam, stand Roxton dort und winkte ihr zu. Sie ging zielstrebig auf ihn zu und gab ihm einen kleinen Kuss.
„Guten Morgen Schönheit“ sagte Roxton und lächelte sie an.
„Morgen“ meinte Marguerite nur verlegen. „Was tust du?“
„Ich habe heute vor, Weihnachtsplätzchen zu backen“ verkündete er.
„Na dann gutes Gelingen“ schmunzelte Marguerite.
„Ich hatte gehofft, du hilfst mir dabei“ sagte er etwas traurig.
„Was?“ fragte Marguerite verblüfft. „Aber du weißt doch ganz genau, wie ich es mit Kochen und Backen halte John. Erinnere dich an das letzte mal, als ich versucht hab, Kekse zu backen!“
„Du hast sie nur zu lange im Ofen gelassen“ neckte er sie. „Ansonsten hätten sie sicher sehr gut geschmeckt!“
„Sehr witzig, Roxton! Ich bin sicher, es wird sich noch jemand anders finden, der heute mit dir backen wird!“
„Nein“ widersprach er. „Die anderen sind alle weg, um an der Windmühle was zu reparieren. Es wird den ganzen Tag dauern!“
„Und warum bist du nicht mit?“ wollte Marguerite wissen.
„Ich hab vorgeschlagen, heute mal mit der Weihnachtsbäckerei anzufangen. Früher haben wir zu Hause immer alle zusammen gebacken, und ich kenn ein paar tolle Rezepte!“
„Du hast gebacken?“ fragte Marguerite mit hochgezogener Braue. „Als feiner Lord? Macht das normalerweise nicht das Personal?“
„Bei uns nicht“ meinte Roxton. „Meine Mutter hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, im Haushalt mitzuhelfen. William und ich wurden auch so erzogen, unser Personal gut zu behandeln und zu helfen wo es ging.“
„Ungewöhnlich“ meinte Marguerite nachdenklich.
„Ja, aber ich finde es richtig so“ meinte Roxton. „Na was ist nun? Hilfst du mir?“
„Na schön, aber nur, weil du so ein wohlerzogener Gentleman bist“ sagte sie verschmitzt. „Was soll ich machen?“
„Ich denke wir fangen mal einfach an. Wir machen diese Plätzchen, die mit Marmelade zusammengeklebt sind.“
„Aha“ machte sie.
„Wir müssen zu aller erst den Teig herstellen. Hol mal bitte Mehl, Eier, Zucker, Nüsse, Butter,...“
„Hey so viel auf einmal kann ich mir nicht merken“ protestierte sie.
„Okay ich komm mit“ sagte er und ging mit ihr in die Vorratskammer.

Als alle Zutaten auf dem Esstisch lagen, gab Roxton weitere Anweisungen, wie der Teig herzustellen war. Marguerite mischte Mehl mit Eiern, Zucker, Butter und Stärke, die Nüsse wurden gemahlen und kamen dann auch dazu. Zum Schluss ergab das ganze durch langes Kneten einen festen Teig.
„Diese Kneterei ist ganz schön anstrengend“ meinte Marguerite, während sie den Teig auf dem Tisch geschmeidig knetete.
„Ja aber die Mühe lohnt sich, wenn die Plätzchen dann fertig sind“ behauptete Roxton. „Warts nur ab!“
„Wie lange muss ich denn noch kneten?“ fragte Marguerite schon leicht genervt.
„Ein bisschen dauert es schon noch, aber wenn du willst, zeig ich dir, wie es leichter geht!“
„Ja und wie wäre das?“ fragte Marguerite und wollte schon zur Seite gehen, als er sich dicht hinter sie stellte und ihre Hände nahm. Mit dem Kopf sah er über ihre rechte Schulter.
„Roxton“ rief Marguerite. „Was soll das werden?“
„Wenn du es lernen willst, dann ist so die beste Möglichkeit. Allein vom hinsehen lernt man es nämlich nicht!“ behauptete er.
„Aha“ sagte Marguerite da nur und ließ es zu, dass er ihre Hände beim Kneten führte.
„Nicht so verkrampft, ganz locker bleiben“ meinte er amüsiert. „Und dann immer wieder von allen Seiten, siehst du, so geht’s doch viel leichter!“
„Stimmt“ staunte sie. „Es geht wirklich viel einfacher so...“
„Na siehst du, und ich glaube, jetzt ist der Teig auch schon fertig geknetet, lass mich mal bitte“ bat er nach einer Weile und ließ ihre Hände los, damit er selber noch ein paar Mal kneten konnte. „Ja, fertig!“
Roxton befreite Marguerite wieder aus seiner Umarmung und meinte: „Jetzt muss der Teig für eine Stunde gekühlt werden bevor wir weitermachen können. Du hast also eine kleine Pause wenn du magst.“
„Ja...sicher...eine Stunde!“ stotterte Marguerite und huschte aus der Küche ins Badezimmer, um sich den Teig von dem Fingern zu waschen. Sie war immer noch ganz verzaubert von Roxtons Knetunterricht. Wegen ihr hätte die ganze Sache noch länger dauern können. Doch sie freute sich schon darauf, was nun als nächstes auf dem Plan stand. Sie hätte es nie für möglich gehalten, aber es machte ihr einen riesigen Spaß zu backen!

***
Als die Stunde fast um war, erschien Marguerite wieder in der Küche. Sie hatte die Zeit genutzt, um sich noch etwas hübsch zu machen, das hatte sie nämlich vorhin versäumt, als sie aufgestanden war.
„Und ist er schon kalt genug?“ fragte sie Roxton, der gerade vor dem Kühlschrank stand, den Challenger hier erfunden hatte. Er prüfte gerade den Teig.
„Ja ich denke schon“ sagte er und lächelte. „Bereit für die nächste Runde?“
„Klar“ verkündete sie vergnügt. „Was kommt als nächstes?“
„Als nächstes müssen wir den Teig ausrollen und mit Förmchen kleine Motive ausstechen“ erklärte er.
„Wird wohl nicht so schwer sein“ meinte Marguerite. „Aber hast du denn solche Förmchen?“
„Ja, Veronica hatte noch welche von ihren Eltern, sie sind noch sehr gut erhalten. Monde, Sterne, Herzchen,...“ Er stand nun ganz dicht vor ihr.
„Schön“ hauchte Marguerite. Sie wartete nur darauf, dass er sie küsste, lang und innig, doch er entschied sich dagegen und gab ihr nur einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze.
„An die Arbeit“ forderte Roxton auf und schwang das Nudelholz. „Hier, bitteschön!“
„Wie, ich soll den Teig ausrollen?“ fragte Marguerite verdutzt und nahm ihm zögerlich das Nudelholz aus den Händen, das er ihr entgegenstreckte.
„Sicher“ behauptete Roxton. „Keine Sorge, ich zeig dir wie’s funktioniert!“
Und somit stellte er sich wieder hinter sie und führte ihre Hände so, damit der Teig bald platt und dünn vor ihnen lag. Marguerite meinte, jeden einzelnen Muskel von ihm spüren zu können, während er seine Arme vor und zurück bewegte. Seine Brust hatte er fest gegen ihren Rücken gepresst, somit war seine Umarmung noch enger und intensiver als vorhin beim Kneten.

Als der Teig schließlich fertig ausgerollt war, und Roxton sie wieder freigab, waren Marguerites Füße weich wie Pudding. Hätte sie gewusst, was alles beim Backen passieren kann, hätte sie schon viel früher mit Roxton gebacken oder gekocht. Natürlich nur wenn die anderen nicht da waren...
„Na sieht doch super aus, oder?“ fragte Roxton grinsend.
„Ja...herrlich“ meinte Marguerite und konnte nicht verhindern, etwas rot zu werden. „Jetzt kommen die Förmchen dran oder?“
„Genau, hier sind sie, such dir eins aus“ forderte Roxton sie auf. Marguerite wählte eine Herzform, Roxton nahm dann einen Stern.
„Ist dir warm Marguerite? Du schwitzt ja richtig!“ stellte Roxton mit einem leichten Grinsen fest.
„Ich...na ja es ist ja auch ziemlich warm heute nicht wahr?“ meinte sie und wurde wieder rot.
„Ja...“ grinste er und küsste sie kurz auf den Mund.
„Und deshalb natürlich auch“ brachte Marguerite hervor. „Ehrlich gesagt, hätte ich gewusst, was du alles mit mir machst beim Backen, hätte ich dir schon viel früher meine Hilfe angeboten!“
„Nun wie heißt es so schön?“ fragte er. „Liebe geht durch den Magen!“
„Ja wie wahr!“ strahlte sie. „Aber wenn wir heute noch fertig werden wollen, dann müssen wir mal loslegen!“
„Richtig. Der nächste Schritt ist eigentlich sehr einfach. Nur die Form nehmen und aus dem Teig die Motive ausstechen. Aber pass auf, dass du nicht soviel Platz verschwendest. Wir wollen ja schließlich viele Plätzchen aus dem Teig rauskriegen!“
„Natürlich großer Meister“ grinste Marguerite und somit machten sie sich ans Ausstechen. Dieser Teil war auch toll, aber Marguerite fand das Kneten und Ausrollen doch interessanter. Beim Ausstechen konnte man nicht viel falsch machen und somit musste Roxton es ihr auch nicht zeigen.

Schließlich hatten sie lauter kleine Teigstücke in Herz- und Sternenform. Die legten sie dann auf ein Blech und schoben sie in den Ofen, dessen Feuer Roxton schon vorhin angezündet hatte.
„So zehn bis fünfzehn Minuten müssen sie backen, bloß nicht länger“ verkündete Roxton, als er das letzte Blech in den großen Ofen geschoben hatte.
„So kurz nur?“ fragte Marguerite verblüfft.
„Ja, wir wollen ja keine Kohlen essen“ neckte er sie.
„Haha“ war Marguerites Kommentar darauf. „Ich hatte eben keine Mutter, die mir gezeigt hat, wie man backt!“
„Hey so war es doch nicht gemeint“ sagte Roxton sanft, als er ihr trauriges Gesicht sah.
„Ja ich weiß“ gestand sie und schniefte kurz. „Ich muss eben immer wieder dran denken.“
Sie ließ es schließlich zu, dass er sie in seine Arme zog und ganz fest hielt. Eine kurze Weile standen sie so da, bis Roxton sie schließlich wieder losließ und in den Ofen schaute.
„Fast fertig“ verkündete er. „Eine Minute noch!“
„Du bist wirklich professionell weißt du das?“ fragte Marguerite fast schon ein wenig neidisch. „Nach so langer Zeit weißt du immer noch alles ganz genau!“
„Nun, ich hab eben ein gutes Gedächtnis“ behauptete er grinsend. „Aber nun komm mal her und hilf mir die Bleche wieder rauszutun, die guten Stücke sind nämlich fertig!“

***

Die Plätzchen waren schnell ausgekühlt und Marguerite konnte einfach nicht anders, als eins zu probieren, als Roxton gerade nicht hinsah. Es schmeckte so lecker, dass sie ein lautes „mmhhh“ ausstieß. Roxton drehte seinen Kopf zu ihr und seufzte nur.
„Wir sind noch nicht fertig Marguerite“ sagte er tadelnd zu ihr.
„Na und?“ fragte sie unschuldig. „Ich muss doch mal testen, wie sie schmecken!“
Sie schlenderte gemächlich zu ihm hinüber und hielt ihm das letzte Stück Plätzchen vor die Nase. „Koste doch mal“ forderte sie ihn auf. Roxton seufzte und ließ sich von ihr füttern.
„M-hm, ja wirklich sehr lecker“ bestätigte er, als er das Plätzchen gegessen hatte. „Aber nun kommt der lustigste Teil der Arbeit!“
„Ach ja? Was denn?“ wollte Marguerite wissen.
„Die Marmelade!“ verkündete er und ging zum Kühlschrank. „Ich hab auch noch ein wenig Zuckerguss da und Schokolade können wir auch noch schmelzen, zum Verzieren!“
„Oh wenn du weiter so redest, krieg ich wirklich noch Hunger“ meinte sie.
„Wehe du rührst die Plätzchen an!“ drohte er, während er die Marmeladengläser auf den Tisch stellte. „Die anderen wollen ja schließlich auch noch welche abhaben!“
„Ja, ja, schon gut“ seufzte sie genervt.
Also gut...machen wir uns ans Zusammenkleben“ ordnete er an, nachdem er einen Topf mit Schokolade und einen mit Zuckerguss zum Schmelzen auf den Herd gestellt hatte.

Beide setzten sie sich also an den Tisch. Marguerite nahm Erdbeermarmelade, Roxton wählte Himbeere.
„Hoffentlich ist Veronica nicht sauer, wenn wir ihre Marmelade einfach so nehmen“ befürchtete Marguerite.
„Oh glaube ich nicht“ schmunzelte Roxton. „Wir brauchen ja nicht wirklich viel, außerdem hat sie ja auch was von den Plätzchen. Also kleb sie schön zusammen ja? Und immer die selben Formen zusammen kleben!“
„Für wie doof hältst du mich, Roxton?“ fragte Marguerite empört, nahm den Löffel aus der Marmelade, den Roxton dort hineingetan hatte, damit man die Marmelade besser herausholen konnte, und klatschte ihm ein schönes Stück Erdbeermarmelade direkt ins Gesicht. Dann machte sie sich sofort daran, wegzukommen. Sie sprang auf, bewaffnet mit ihrem Marmeladenglas und dem Löffel und flüchtete auf den Balkon, während Roxton immer noch auf dem Stuhl saß und mit den Fingern nervös auf dem Tisch herumtrippelte.
„Na warte...“ murmelte er leise, doch Marguerite hörte es trotzdem.
„Lass dir ja keine Dummheiten einfallen, Roxton“ warnte sie. „Ich bin bewaffnet!“
Zur Demonstration schwang sie den Löffel in der Hand und hielt das Marmeladenglas hoch.
„Das wird dir nicht viel nützen“ meinte er, schnappte sich sein Glas, allerdings ohne Löffel und stürmte zu ihr hinüber.
Marguerite ergriff die Flucht und rannte so schnell sie konnte und unter lautem Kreischen zum Esstisch zurück. Roxton war ihr immer dicht auf den Fersen und jagte sie so eine ganze Weile durch die Küche. Bald hatte er genug, langte mit den Fingern in das Marmeladenglas und holte eine ganze handvoll heraus. Als Marguerite das sah, legte sie einen Zahn zu. Doch er war natürlich schneller als sie und holte sie bald ein. Er hielt sie von hinten fest und drückte ihr genüsslich die Marmelade mitten ins Gesicht. Ihr Glas hatte sie dabei fallen gelassen und versuchte, sich mit allen Mitteln zu wehren – vergeblich. Er war einfach viel zu stark für sie.
Als er seinen Griff um sie schließlich etwas lockerte, nutzte Marguerite die Chance, riss sich los und stürmte hinüber zum Herd, wo die Schokolade und der Zuckerguss schon flüssig waren. Sie schnappte sich den Topf mit der flüssigen Schokolade und nun war sie es, die Roxton herumjagte. Roxton war aber auch nicht dumm, deshalb nahm er sich im Vorbeilaufen den Zuckerguss. Beide blieben apruppt stehen, völlig außer Atem, und starrten sich gegenseitig an.

Roxton sah noch einigermaßen ordentlich aus, da er nur einen kleinen Klecks Marmelade abbekommen hatte. Doch Marguerite sah aus, als wäre sie gerade in einen Farbtopf gefallen. Roxton hatte die Marmelade in ihrem ganzen Gesicht und in ihrem Dekoltee verteilt. Ihre Bluse war auch schon ganz voll.
„Na gut Marguerite, was machen wir nun?“ fragte Roxton.
„Wag es ja nicht, mich noch einmal anzugreifen“ warnte sie.
„Ach...warum nicht?“ grinste er und machte einen Schritt nach vorn, worauf sie einen zurück machte.
„Roxton“ kreischte Marguerite. „Wehe!“
Roxton fand das alles sehr amüsant und deshalb ging er noch drei Schritte auf sie zu. Der Zuckerguss war nicht mehr so heiß, genauso wie die Schokolade. Marguerite fackelte nicht lange und schüttete ihm die flüssige Vollmilchschokolade direkt über den Kopf, als er sich ihr noch weiter näherte. Es war nicht gerade wenig gewesen und die braune, süße Masse bahnte sich den Weg über sein Gesicht und lief bis in sein Hemd hinein. Er musste sich erst einmal über die Augen wischen, bevor er überhaupt wieder etwas sehen konnte.
Marguerite hatte sich gleich wieder in Sicherheit gebracht, indem sie einen Stuhl vor sich und Roxton stellte.
„Ich dachte du wolltest mit mir in Ruhe reden?“ fragte er und schritt wieder auf sie zu.
„Du bist mir zu nahe gekommen!“ gab sie zurück. „Bitte nicht John, jetzt sind wir ja beide gleichermaßen eingesaut! Wir können es ja jetzt darauf beruhen lassen oder?“
„Nur weil du nichts mehr hast, mit dem du mich voll schmieren kannst?“ fragte er grinsend und kam immer näher.
„John! Wir sind doch erwachsene Menschen! Wir können doch über alles reden!“
Doch Roxton ließ sich davon nicht unterkriegen und nahm ihr den Stuhl aus den Händen weg. Es folgte wieder eine kurze Verfolgungsjagd, Marguerite hatte ihr Marmeladenglas wieder gefunden, das auf dem Boden lag und bückte sich danach. In dem Moment kam auch schon Roxton drückte sie zu Boden und setzte sich auf ihre Hüfte. Mit der einen Hand hielt er ihre Hände fest, damit sie nichts tun konnte, mit der anderen schmierte er ihr den Zuckerguss überall dorthin, wo er gerade hinkam.

Nach einem langen, wilden Gerangel lagen beide erschöpft nebeneinander auf dem Boden, beschmiert von oben bis unten und atmeten schwer.
„Ich denke jetzt wird Veronica doch sauer sein oder?“ fragte Marguerite. „Nicht nur, dass wir die gute Marmelade verschwendet haben, sondern auch weil es hier aussieht wie Kraut und Rüben!“
Beide drehten ihre Köpfte ein wenig und sahen jetzt erst die Sauerei, die sie angerichtet hatten.
„Oje, wir müssen schauen, dass wir das wieder sauber kriegen, bevor die anderen zurückkommen!“ meinte Marguerite und wollte sich schon aufrichten. Doch Roxton hielt sie davon ab, indem er sich ganz auf sie drauf rollte und seinen Zeigefinger auf ihren Mund legte.
„Das ist doch egal. Wir werden schon irgendeine Ausrede finden“ meinte er leise und begann, sie hungrig zu küssen.
Marguerites Ängste waren sofort weg und sie gab sich ihm völlig hin. Als er sich ihren Hals hinunterküsste und dabei die Marmelade und den Zuckerguss von ihr abschleckte, vergaß sie alles um sich herum.

Sie waren sogar so vertieft, dass sie den Aufzug nicht hörten, der sich gerade betätigt hatte. Und sie bemerkten die anderen auch im ersten Moment nicht, als sie aus diesem heraustraten.
„Was....“ rief Veronica und blieb mit offenem Mund stehen, als sie die Unordnung sah. Stühle waren umgeworfen, Decken und Kissen waren wild verstreut, Marmelade, Schokolade und Zuckerguss war an allen Ecken und Enden zu finden – und inmitten dieses heillosen Chaos lagen Marguerite und Roxton, beschmiert mit den süßen Lebensmitteln, und wälzten sich küssend auf dem Boden hin und her. Erst bei Veronicas Ausruf wurden sie in die Realität zurückgeholt und starrten entsetzt auf die drei Freunde, die am Aufzug standen.
Veronicas Gesicht spiegelte Entsetzten und Fassungslosigkeit wider, Challenger schien etwas verwirrt und Finn hatte große Mühe, nicht laut loszulachen. Schnell standen Marguerite und Roxton auf und sahen beschämt in Richtung Fahrstuhl.
„Es...es ist nicht so wie es aussieht!“ versuchte Marguerite, eine Erklärung abzugeben.
„Was habt ihr nur gemacht?“ fragte Veronica fassungslos.
„Gebacken“ meinte Roxton unschuldig und deutete auf die Plätzchen, die immer noch ohne Verzierung auf dem Tisch lagen.
„Großer Gott“ war das einzige, was sie sagen konnte.
„Ach ist doch nicht so schlimm, Vee!“ meinte Finn und klopfte ihr auf die Schulter. „Geht ihr euch nur mal umziehen, wir machen hier schon sauber!“
Marguerite und Roxton sahen sie nur erstaunt an und wollte widersprechen, doch da schaltete sich Challenger ein.
„Geht nur, wir machen das schon!“ meinte er und grinste.
Die beiden zuckten nur mit den Schultern und machten sich mit hochroten Köpfen, wie zwei unartige Schulkinder, auf in ihre Zimmer.

***

Beide entschlossen sich gleichzeitig, ins Bad zu gehen und sich die klebrigen Lebensmittel wieder herunter zu waschen. So stießen sie vor der Badezimmertür aufeinander, beide nur mit einem Handtuch bekleidet und immer noch eingesaut.
„Roxton!“ zischte Marguerite. „Was tust du hier?“
„Ich möchte unter die Dusche, das Zeug hier abwaschen“ meinte er.
„Ich war zuerst da“ behauptete sie.
„Wir sind gleichzeitig angekommen“ widersprach er.
„Gut, dann müssen wir eben knobeln“ sagte sie.
„Oder wir gehen gemeinsam rein.“
Marguerites Gesicht wurde immer länger. Das hatte er vor?
„John, die anderen sind doch gleich um die Ecke, wir können doch jetzt nicht...“ sprach sie aufgeregt, doch er unterbrach sie.
„Ich meinte, wir könnten uns gegenseitig das alles runterwaschen. Dann geht es schon schneller und keiner braucht zu warten bis der andere fertig ist!“
„Ach und du sagst das so, ohne einen Nutzen für dich darin zu sehen?“
„Ich habe ja einen Nutzen. Ich werde so schnell wie möglich sauber. Ich verspreche auch, dass ich mich benehmen werde. Aber wenn wir hier weiter stehen und rumdiskutieren, dann kommt sicher irgendwann jemand vorbei und dann denken sie sich sowieso ihren Teil.“
Marguerite dachte kurz nach und nickte schließlich. Wenn sie hier weiter so rumstanden, würde sicher einer von ihren Freunden vorbeikommen. Vielleicht sogar Finn, die würde sich dann sicher wieder lustig machen. Da ging sie doch lieber gleich mit Roxton unter die Dusche.

Das Badezimmer war lichtdurchflutet. Die Wände glänzten golden, alles war hell und warm.
„Das erlebt man auch nur hier“ seufzte Marguerite und schloss die Augen.
„Was?“ fragte Roxton, der gerade in die Dusche steigen wollte.
„Na dieser Raum, wenn er von der Sonne durchströmt wird“ meinte sie. „Du hast wirklich keinen Sinn für Romantik!“
„Ich habe im Moment nur einen Sinn, und zwar das ganze hier so schnell wie möglich runter zu waschen“ gab er zurück und langte sich in seine Haare, in denen die Schokolade klebte, die bereits wieder fest geworden war. „Kommst du jetzt auch?“
Roxton stand nun bereits in der Dusche und drehte das Wasser auf. Marguerite seufzte nur, ließ ihr Handtuch fallen und betrat ebenfalls die Dusche.

Es war sehr eng dort drinnen und beide hatten Schwierigkeiten, sich umzudrehen, ohne sich dauernd anzurempeln.
„Ich weiß nicht, ob das wirklich eine so gute Idee war, zusammen duschen zu gehen“ klagte Marguerite. „Es ist doch viel zu eng hier für zwei Personen!“
„Wenn du nur immer darauf aus bist, mich nicht zu berühren, dann ist es wohl zu eng“ behauptete er, während er sich gerade einen großen Batzen Shampoo ins Haar rieb.
Marguerite wurde etwas rot, räusperte sich und half ihm schließlich, das Shampoo einzumassieren. Er nahm daraufhin seine Hände aus seinem Haar und schäumte derweil ihre langen Haare ein. Ihre Körper pressten sich dabei eng aneinander, genauso wie ihre Lippen.
Eine ganze Weile und einem verbrauchten Seifenstück später war Roxton nicht mehr Herr seiner Sinne. Sie waren eigentlich längst schon wieder sauber, aber sie bemerkten es nicht wirklich. Ihre Lippen fanden sich immer wieder zu einem leidenschaftlichen Kuss, ihre Zungen spielten miteinander. Ihre Körper waren immer noch dicht aneinander gepresst, die Hände waren überall zur gleichen Zeit, um den Körper des anderen zu erforschen. Das warme Wasser war schon länger aufgebraucht, aber auch das störte sie nicht.
Doch als Roxton immer weiter ging, Marguerite immer dichter an die Duschwand drängte und sie schon seine Erregung spüren konnte, kam sie langsam wieder in die Realität zurück.
„John“ sprach sie heiser, doch schon im nächsten Moment küsste er sie wieder. „Roxton!“
Auch er kam langsam wieder zurück, löste sich aber nicht von ihr, sondern schaute sie nur fragend an.
„Wir können das jetzt nicht machen“ meinte Marguerite atemlos. „Die anderen...“
„Sind in der Küche“ vervollständigte er den Satz „Sie werden uns sicher nicht stören!“
Nach einem weiteren stürmischen Kuss schien Marguerite auch das egal zu sein. Die anderen würden schon nicht auf die Idee kommen, ins Bad zu wollen.

Doch genau das geschah schließlich. Jemand klopfte wild an die Tür und schon im nächsten Moment konnte man Finns Stimme von draußen hören.
„Marguerite? Roxton?“ rief sie. „Seid ihr da drin?“
Beide ließen sich ruckartig los und starrten sich nur entsetzt an.
„Hallo?“ rief Finn von draußen. „Wenn jetzt niemand antwortet, muss ich eben reinkommen!“
„Was willst du denn?“ rief Roxton.
„Könnt ihr bitte mal das Wasser abstellen? Der Tank ist fast leer!“
„Äh, ja klar“ meinte Roxton und drehte den Wasserhahn zu.
„Danke“ rief Finn von draußen. „Und viel Spaß noch!“
„Na toll“ seufzte Marguerite frustriert. „Ich hab doch gesagt es ist keine gute Idee!“
„Schon gut, schon gut“ sagte Roxton leicht genervt. „Aber wenigstens sind wir jetzt wieder sauber.“
Beide stiegen aus der engen Dusche und trockneten sich ab. Marguerite schlüpfte in ihren mitgebrachten Bademantel, Roxton band sich ein anderes, sauberes Handtuch um die Hüften.
Als beide kurz vor der Tür waren, hielt Roxton Marguerite am Oberarm fest.
„Ich werde dich heute Nacht besuchen kommen“ flüsterte er in ihr Ohr. Dann ließ er sie wieder los und ging an ihr vorbei, machte die Tür auf und verschwand nach draußen.
Marguerite hingegen blieb noch eine Weile stehen, bevor sie auch in ihr Zimmer ging. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein wohliger Schauer durch den Körper lief. Heute Nacht, wenn alle schliefen, würde sie sicher niemand stören!

***

Roxton hielt sein Versprechen und kam nachts zu Marguerite. Sie liebten sich lange und leidenschaftlich, aber immer darauf bedacht, nicht zu laut zu werden, wegen ihrer schlafenden Freunde. Und Roxton erneuerte sein Versprechen jede Nacht aufs Neue, in der nächsten Nacht wieder zu kommen.
So ging das ganze zwei Wochen lang, bis schließlich der Weihnachtsmorgen gekommen war.

Marguerite räkelte sich genüsslich im Bett, als sie Roxtons Lippen in ihrer Halsbeuge spürte, die sie langsam wach küssten. Sie seufzte leise, halb im Schlaf, halb wach, und vergrub ihre Finger in seinem dichten Haar.
Doch damit war es urplötzlich vorbei, als der schwarze Rabenvogel von draußen hereinkrähte. Marguerite schreckte hoch und saß sofort aufrecht im Bett.
„So kann man es natürlich auch machen“ meinte Roxton, der liegengeblieben war und grinste zu Marguerite hoch.
„Na gut ich geb ihm ja schon was“ seufzte sie und stand auf. Roxtons Augen folgten Marguerite, wie sie nackt das Zimmer durchquerte, ein Plätzchen vom Tisch nahm und es dem Vogel gab. Dieser bedankte sich artig, in dem er eine liebliche Melodie pfiff und folg davon.
Marguerite hatte herausgefunden, dass wenn der Vogel Aufmerksamkeit bekam, er auf einmal ganz liebliche Töne von sich gab und sie für den Rest des Tages „in Ruhe“ ließ. Und Aufmerksamkeit in Form von Essbarem aller Art war ihm wohl am liebsten.
„Kommst du wieder?“ fragte Roxton, als sie eine ganze Weile vor dem Fenster gestanden und dem Vogel nachgeschaut hatte. Marguerite fuhr erschrocken herum und lächelte. Sie war wohl tief in Gedanken versunken gewesen.
„Sicher“ meinte sie und legte sich schließlich wieder zu ihm ins Bett. Sofort hatte sie wieder seine starken Arme um sich, die sie sanft gegen ihn drückten.
„Ich liebe dich weißt du das?“ fragte sie sanft und küsste ihn.
„Ob ich das weiß?“ fragte er verschmitzt. „Hm...lass mich mal nachdenken...“
„John!“ rief sie gespielt empört.
„Sicher weiß ich es und ich hoffe du weißt auch, dass ich dich liebe...über alles!“
Statt zu antworten, küsste sie ihn einfach. Aber dieser Kuss dauerte länger als die vorherigen, er war intensiver und gefühlvoller.
„Wir müssen aufstehen, Marguerite“ seufzte Roxton, der sich nur mit Mühe von ihr losmachen konnte.
„Wieso denn?“ nörgelte Marguerite beleidigt. „Ist doch grade so schön!“
„Wir haben heute viel vor“ erinnerte er sie. „Heute Abend gibt es ein großes Festessen, heute ist Weihnachten, schon vergessen?“
„Von mir aus können wir das auch hier in meinem Bett feiern...nur du und ich!“ behauptete sie.
„Nichts lieber als das mein Schatz, aber die anderen würden das glaube ich nicht so toll finden.“
Marguerite seufzte und stand schließlich mit einem Satz auf.
„Gut, gehen wir!“ beschloss sie und fing an sich anzuziehen. „Was schaust du so? Wenn ich nicht schnell aufstehe, bringe ich das in den nächsten zehn Stunden nicht richtig auf die Reihe!“
Roxton grinste nur und stand ebenfalls auf.

Im festlich geschmückten Hauptraum warteten die anderen schon auf die beiden Langschläfer. Zusätzlich zu der Dekoration, die Veronica und Finn schon angebracht hatten, hatte Roxton im Jungel noch einen kleinen Baum geholt, der als Weihnachtsbaum herhalten musste. Es war zwar keine Tanne, aber trotzdem erfüllte das Gewächs seinen Sinn.
„Ah guten Morgen ihr zwei“ begrüße Finn Marguerite und Roxton. „Auch schon wach?“
„Sieht ganz so aus“ war Marguerites einziger Kommentar, bevor sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte und sich zu den anderen an den Tisch setzte.
„Wir haben heute viel vor und Challenger und ich haben schon mal einen Plan gemacht, wer was zu erledigen hat“ verkündete Veronica. „Also das ganze sieht so aus: Roxton, du gehst bitte raus in den Jungel und versuchst einen Vogel zu schießen, der einer Pute oder so etwas ähnlich ist. Danach hack doch bitte noch ein wenig Feuerholz. Finn und ich werden das Essen zubereiten, Marguerite du kannst uns helfen, das Gemüse zu putzen und zu schälen. Und George, dich brauchen wir noch für die Lichter, der Trafo hat irgend einen Schaden, kannst du vielleicht mal schauen was da los ist?“
„Sicher liebes“ antwortete Challenger. „Ich würde sagen, es gibt viel zu tun, fangen wir an!“
Alle nickten eifrig und standen schließlich auf um an die Arbeit zu gehen.

***

Marguerite konnte es gar nicht leiden, zum Gemüseputzen hergenommen zu werden. Viel lieber wäre sie mit Roxton hinausgegangen, um das Weihnachtsessen zu jagen. Aber sie ließ sich davon nichts anmerken, sie wollte ja Finn oder Veronica nicht verärgern. Zumindest heute nicht.
Abends war dann schließlich alles erledigt, das Essen war fast fertig und die Freunde saßen gemütlich beisammen. Roxton hatte einen Pfau erlegt. Die Abenteurer kannten ein solches Essen schon und freuten sich auf das zarte Fleisch und den herzhaften Geschmack.
Nach dem Essen waren alle pappsatt und mussten sich erst einmal ein kleines Gläschen Schnaps gönnen, zur Verdauung.

„Oje, das war vielleicht ein Festessen“ stöhnte Finn und hob sich den Bauch. „Sehr lecker!“
„Ja, wenn wir nicht so toll zusammengearbeitet hätten, dann wäre es nie so gut geworden!“ seufzte Veronica zufrieden.
„Ich könnte jetzt sofort ins Bett fallen und die nächsten drei Tage durchschlafen“ behauptete Finn weiter.
„Na Kinder, ihr wollt doch noch nicht ins Bett oder?“ fragte Challenger.
„Warum nicht?“ warf Marguerite in die Runde, worauf sie alle mit einem leichten Grinsen ansahen. Die Freunde hatten natürlich längst bemerkt, was in der letzten Zeit zwischen Marguerite und Roxton ablief. Aber keiner traute sich nun so recht, einen Kommentar dazu abzugeben.
„Nun ich wollte euch eigentlich einen Vorschlag machen“ meinte Challenger geheimnisvoll.
„Dann mal raus mit der Sprache George“ forderte Roxton.
„Nun wie ihr ja sicher wisst, ist die Bescherung nicht überall auf der Welt am Morgen des ersten Weihnachtstages, so wie bei uns in England“ fing er an.
„Stimmt, in Deutschland zum Beispiel bekommen die Kinder schon am Heiligen Abend die Geschenke“ stimmte Marguerite zu.
„Eben. Und das wollte ich eigentlich auch vorschlagen. Damit wir morgen früh schön ausschlafen können, würde ich sagen, wir ziehen die Bescherung vor...auf jetzt. Was haltet ihr davon?“
„Tolle Idee!“ freute sich Finn und sprang auf. „Los, jeder holt seine Geschenke und legt sie dann unter den Weihnachtsbaum!“

Als wenig später alle Geschenke dalagen, suchte sich jeder die Pakete heraus, auf denen sein Name stand. Bald saßen alle wieder am bereits abgeräumten Tisch, jeder mit Geschenken vor sich.
„Gut ich würde sagen, wir packen alle auf einmal aus“ meinte Finn.
„Finn, du...“ fing Veronica an, doch sie wurde unterbrochen.
„Nein, ich halte das vor Spannung nicht mehr aus sonst...bitte!“ quengelte Finn.
„Na gut“ seufzte Veronica und so machten sich alle daran, die Geschenke auszupacken.

Es gab sehr viele Geschenke, über die sich alle sehr freuten. Challenger hatte für die Frauen Badeextrakte zusammengestellt, die schäumten. Die Männer bekamen von Marguerite neue Hemden, sie war im Zangadorf und hatte um Stoff gehandelt. Außerdem hatte sie für Roxton ein paar Zigarillos aushandeln können, die sehr selten und sehr schwer zu bekommen waren. Marguerite bekam eine Schürze von Finn und Veronica und ein Kochbuch von Challenger. Sie konnte darüber nur schmunzeln, böse war sie ihren Freunden natürlich nicht. Von Roxton bekam sie ein edles Kollier. Und es gab noch sehr viel mehr Geschenke.
Die Freunde saßen noch lange zusammen und unterhielten sich über Weihnachten, die schönen Geschenke, über London und über alles mögliche. Es wurde ein besinnlicher, schöner Abend, bis schließlich alle erschöpft und glücklich in ihre Zimmer gingen.

Als Marguerite in ihr Nachthemd geschlüpft war, machte sie sich auf den Weg in Roxtons Zimmer. Normalerweise kam eigentlich immer er in ihr Zimmer, aber sie wollte heute den Spieß einmal umdrehen. Sie hatte nämlich noch ein Geschenk für Roxton.
Als sie seine Tür aufmachen wollte, machte er in dem selben Moment von drinnen auch die Tür auf. Beide kicherten leise über diesen Zufall.
„Was ist denn los, ich dachte, ich komm zu dir“ meinte Roxton.
„Heute nicht“ sagte sie leise und trat ein, ging an ihm vorbei und setzte sich auf sein Bett.
„Sagst du mir auch warum?“ fragte Roxton, als er die Tür wieder zugemacht hatte.
„Komm, setz dich her“ forderte sie ihn sanft auf. Roxton wusste im ersten Moment nicht, was er davon halten sollte. Was kam denn jetzt? Marguerite verhielt sich sehr komisch. Er tat aber das, worum sie ihn gebeten hatte und setzte sich dicht neben sie.
„Und?“ fragte er immer noch etwas verwirrt.
„Ich möchte dir gerne noch ein Geschenk machen John“ sagte Marguerite, während sie ihm in die Augen sah.
„Noch eins?“ fragte er leise.
„Ja. Aber es ist nicht materiellen Wertes“ behauptete sie.
„So?“ fragte er. Langsam stieg die Spannung und er frage sich, was denn nun gleich kommen mochte.
„Ich...nun ich möchte dir erst einmal danken. Ich möchte dir für die letzten, mehr als drei Jahre, danken. Dafür, dass du immer zu mir gehalten hast, egal ob ich Unsinn gebaut habe oder uns in Gefahr gebracht habe. Du hast mir verziehen, für das, was ich in meiner Vergangenheit falsch gemacht habe. Du hast mir weitaus mehr als einmal das Leben gerettet. Und du hast mich gerettet, vor mir selbst. Was ich dir schenken möchte ist ein Versprechen. Ich verspreche dir, vorausgesetzt du willst das auch, dass ich immer bei dir bleiben werde. Ich werde mich nicht zurückziehen, ich werde offen sein für alles, was kommt. Ich...ich will nicht mehr allein sein, John. Ich liebe dich.“

Roxtons Augen wurden während ihrer Rede immer größer. Sie lege ihm gerade eine Liebeserklärung dar, wie er sie in seinen kühnsten Träumen nicht hätte haben können.
„Ich...ich liebe dich auch“ sagte er gerührt und nahm sie in seine Arme. „Das war das schönste, was jemals jemand zu mir gesagt hat.“
Marguerite schloss die Augen und genoss seine Umarmung. Und sie war auch froh, dass es ihm gefiel, was sie sagte. Und dass er ihre Worte auch ernst nahm. Als Roxton sie dann plötzlich wieder losließ und in seinem Nachtkästchen nach etwas suchte, sah ihm Marguerite verblüfft zu und frage sich, was er nun wieder vorhatte.
„Ich habe schon so lange auf diesen Moment gewartet“ fing er an, als er schließlich gefunden hatte was er suchte. Marguerite sah erst einmal nicht, was es war, denn er hielt es in seiner Hand versteckt. Dann ging er plötzlich vor ihr auf die Knie und Marguerite wusste sofort, was gleich kommen würde. Ihre Wangen glühten vor Aufregung und ihr Herz schlug schneller.
„Marguerite, ich habe mir schon so oft Gedanken über meine Zukunft gemacht. Wo werde ich in zehn, zwanzig Jahren sein? Nun, vor dieser Expedition sah meine Zukunft eher trübe und einsam aus. Meine Mutter ist nicht mehr die jüngste, mein Bruder und mein Vater sind beide tot. Ich habe sonst niemanden mehr und das hat mich sehr bedrückt. Aber als ich dich getroffen habe, hatte ich ein neues Ziel. Du bist die Frau, die mir in Zukunft beistehen kann und mit der ich glücklich werden kann. Ich fühle mich einfach immer gut, wenn du in meiner Nähe bist. Und ich bin überglücklich, dass du bei mir bleiben willst, hoffentlich bis der Tod uns scheidet...möchtest du mich heiraten?“
Er holte eine kleine Schachtel hervor und machte sie auf. Darin war ein wunderschöner Diamantring.
„Oh mein Gott“ flüsterte Marguerite. „Ja John, ja ich will immer bei dir bleiben!“
Marguerite ließ sich vom Bett auf den Boden gleiten, direkt in seine Arme. Sie küssten sich stürmisch und Roxton streifte ihr schließlich den Ring über.

Plötzlich hörten sie eine süße Melodie, die von Roxtons Fenster her kam. Beide sahen erstaunt dorthin. Der schwarze Vogel saß dort und sang eine wunderschöne Melodie. Dann rupfte er sich eine Feder aus, legte sie sanft auf der Fensterbrüstung ab und flog schließlich davon. Ein leichter Windhauch kam herein und wehte die Feder direkt in Marguerites Hände.
„John...weißt du noch was Veronica mal erzählt hat?“ fragte Marguerite aufgeregt.
„Ja“ sagte er sanft. „Wenn der Vogel sich gut behandelt fühlt, macht er einem zum Abschied ein Geschenk...eine Feder!“
„Das bedeutet, ich habe nun dreiunddreißig Jahre Glück...“ folgerte sie und lächelte ihn an.
„Ja, richtig“ sagte er leise und küsste sie sanft.
Der Vogel aber flog unbeirrt weiter, zu seinem nächsten Ziel, einem Menschen, der irgendwo in der großen weiten Welt auf ihn wartete.

***

ENDE

Ein Neuanfang by lmr1983

„Mir ist langweilig!“ jammerte Marguerite Krux. Es hatte schon seit fast einer Woche Dauerregen und die Abenteurer wurden quasi dazu verdonnert den lieben langen Tag im Baumhaus zu sitzen.
Challenger war wie immer in seinem Labor, ihm schien der Regen nichts auszumachen. Finn machte fleissig ihre Leseübungen und Veronica nutzte die Zeit um Skizzen von Pflanzen herzustellen. Roxton polierte die Waffen aller Baumhaus-Bewohner auf Hochglanz und Marguerite hatte bestimmt schon alle Bücher aus der Bibliothek dreimal gelesen und kannte nun alle auswendig.

Marguerite und Roxton waren gerade allein im Esszimmer.
„Nach Challengers Vorhersagen wird das Wetter morgen besser und es soll aufhören zu regnen. Vielleicht machen wir dann einen kleinen Spaziergang, nur wir zwei alleine, was hältst du davon?“ fragte Roxton. Marguerite meinte daraufhin in verführerischem Tonfall: „Hm...keine schlechte Idee! Nach so langer Zeit die wir hier schon rumsitzen könnte ich mir schon mal wieder die Beine vertreten!“
Roxton war bereits von seinen Waffen zu Marguerite herübergeschlendert und nahm sie nun bei den Hüften. „Na das hört man doch gerne. Was hältst du von einer kleinen Wanderung zum See? Immer nur duschen ist doch langweilig, ich möchte mal wieder richtig schwimmen!“
Marguerite kam gar nicht mehr dazu zu antworten, denn kaum hatte er die Worte ausgesprochen, spürte sie schon seine warmen, weichen Lippen auf ihren. Der Kuss begann langsam und zögerlich, aber schon nach wenigen Sekunden wurden beide von ihrer aufgestauten Leidenschaft gepackt.

Seitdem sie in der Höhle gefangen gehalten wurden, versuchten die beiden immer wieder, irgendwo ungestört zu sein, aber irgendwie kam bisher immer einer ihrer Freunde dazwischen. So auch jetzt. Sie hörten jemand die Treppe hochkommen und lösten sich blitzschnell voneinander. Im nächsten Moment kam schon Finn ins Zimmer um sich etwas zum Naschen zu holen.
„Hi!“ sagte sie nur, ging an den beiden vorbei, schnappte sich drei Äpfel und verließ das Zimmer so schnell wieder, wie sie gekommen war.
„John ich hab endgültig genug davon! Immer ist irgendjemand da und stört uns! Es ist zum verrückt werden!“ beschwerte sich Marguerite als sie sicher waren dass Finn weit genug entfernt war. „Ja ich weis.“ Roxton ging es selbst nicht anders als ihr, aber er versuchte sie zu beruhigen. „Aber sobald der Regen aufhört, sind wir weg. Wir finden schon einen Weg unbemerkt zu entwischen.“ „Dazu muss dieser verdammte Regen aber erst mal aufhören! Langsam fang ich an zu glauben, er dauert noch die nächsten drei Jahre!“ Marguerite verließ aufgebracht das Esszimmer um in ihrem eigenen Zimmer noch nach einem Buch zu suchen, dass sie vielleicht noch nicht gelesen hatte.

Drei Stunden später saßen alle beim Abendessen, das bereits nur noch aus Früchten bestand, da Roxton vor dem großen Regen nicht jagen war. Danach gingen alle in ihre Betten und hofften, dass der Regen bald aufhören würde.

***

Und wie durch ein Wunder hatte der Regen auch in dieser Nacht aufgehört. Marguerite wurde durch die Sonnenstrahlen geweckt, die durch ihr Fenster schienen. Als sie bemerkte dass der regen aufgehört hatte zog sie sich hastig an und folgte dem frischen Kaffeeduft ins Esszimmer.
Wie zu erwarten war, waren alle anderen Bewohner des Baumhauses schon aufgestanden und saßen beim Frühstück. Die Stimmung unter den Abenteurern war deutlich besser als am Abend zuvor und so natürlich auch bei Marguerite.
„Guten Morgen alle zusammen!“ rief sie fröhlich als sie das Zimmer betrat und bekam ein ebenfalls fröhliches „Guten Morgen“ von ihren Freunden zurück. „Na möchtest du einen Kaffee Marguerite?“ fragte Roxton und grinste sie dabei verdächtig breit an. „Natürlich das weist du doch!“
Marguerite zog eine Augenbraue hoch. Der heckte doch sicher was aus! Sie kannte ihn nun lange genug und wusste das irgendwas passiert sein musste das seine Stimmung deutlich besser war. Aber am Wetter lag das bestimmt nicht.
„Marguerite ich würde mich mit dem Frühstück beeilen.“ Meinte George Challenger. „Wir haben heute viel vor.“ `oh nein` dachte Marguerite. `jetzt darf ich sicher wieder Wäsche waschen gehen!`. Aber ihre Furcht war unbegründet denn Challenger fuhr fort: „Ich werde mir mal den elektrischen Zaun ansehen, der ist glaub ich beschädigt worden. Veronica und Finn haben sich freiwillig zum waschen angemeldet und da du das ja nicht gerne magst und die Gartenarbeit erst wieder Sinn macht, wenn der Boden nicht mehr so feucht ist, gehst du eben mit Roxton jagen. Er meinte soviel Fleisch wie wir brauchen kann er allein nicht tragen.“

Damit stand Challenger auf und begab sich in sein Labor um die notwendigen Utensilien herauszusuchen, um den Zaun zu untersuchen und gegebenenfalls zu reparieren.
Finn und Veronica packten ihre Wäschekörbe und machten sich auf den Weg zum Fluss.

Damit waren nur noch Roxton und Marguerite im Zimmer.
„Was hast du ihnen gesagt?“ fragte Marguerite misstrauisch. Sie glaubte immer noch nicht ganz dass er ihnen gesagt hatte, er könne das Fleisch nicht alleine tragen. „Na das was Challenger gesagt hat! Hey du kannst mir glauben! Ich wusste keine andere Ausrede und es hat ja schließlich funktioniert, oder?“
„Na gut du hast gewonnen. Aber du packst den Picknickkorb ja?“ „Ein Picknick?“ fragte Roxton erstaunt. „Wir wollten doch jagen gehen!“
Marguerite hatte schon den Mund auf gemacht um zu protestieren, als sei das breite Grinsen von Roxton sah, der den schon fertig gepackten Picknickkorb in seiner linken Hand schwank. „Darf ich bitten Milady?“ Er reichte ihr seine Rechte, die sie auch ergriff nachdem sie sich ihre Waffen angelegt hatte. „Wie kann ich einer so netten Einladung widerstehen!“ meinte sie mit einem frechen Grinsen.

Beide fuhren mit dem Fahrstuhl ganz nach unten, noch bevor Challenger aus seinem Labor kam. Händchen haltend schlugen sie dann den Pfad zu einem kleinen See in der Nähe des Baumhauses ein, den die Baumhaus-Bewohner sonst auch immer als Badesee nutzten.

***

Während der halben Stunde, die sie vom Baumhaus bis hinunter zum See brauchten, liefen beide ohne ein Wort miteinander zu wechseln, aber immer noch Hand in Hand, den Pfad entlang. Nach dem vielen Regen war die Luft noch schwüler als sonst und die hohe Luftfeuchtigkeit machte es beiden schwer, den Marsch zu bewältigen.

Als sie den See erreichten atmeten beide tief durch. „Puh ich hätte nie gedacht dass ich wegen so einem kurzen Stück Weg mal so aus der Puste kommen würde!“ stöhnte Roxton. Marguerite meinte darauf nur grinsend: „Tja wir werden alle älter, nicht wahr!“ „Na warte!“
Roxton versuchte, Marguerite zu fangen, doch die lief vor ihm weg. „Vergiss es ich bin schneller wie du!“ „Das wollen wir doch mal sehen! Du bist doch genauso außer Atem wie ich von unserem kleinen Spaziergang!“

Das fang-mich-Spiel dauerte noch einige Minuten an, bis Marguerite aufgab und sich erschöpft in das noch nasse Gras fallen ließ. Ein grinsender Roxton stand über ihr.
„Na, Milady willst du schon aufgeben?“ fragte er lächelnd. Marguerite setzte sich wieder auf. „Nein eigentlich sind wir ja nicht hier, um fangen zu spielen oder? Ich hatte eigentlich vor schwimmen zu gehen. Du kannst ja noch ein Weilchen hier draußen rumspringen.“

Sie stand auf und ging ein paar Schritte von ihm weg. Er kam mit Absicht nicht hinterher sondern blieb stehen und sah zu wie sie sich erst ihre Bluse, dann den Rock, ihr Camisol und zu guter letzt noch die seidige Unterhose auszog und majestätisch in das glasklare Wasser des Sees eintauchte.
Bei diesem Anblick wurde ihm sichtlich warm und er musste sich schon sehr beherrschen, um nicht zu ihr rüber zu gehen und sie sich auf der Stelle zu nehmen.

Aber so leicht wollte er es ihr dann doch nicht machen. Er wollte sie zuerst ein wenig zappeln lassen. Seelenruhig zog er sich auch seine Klamotten aus und sprang nicht wie sie gleich ins Wasser sondern ging an einer seichteren Stelle gemütlich hinein.
Marguerite hatte jeden seiner Schritte genau beobachtet und konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Sie hatte schon gesehen, wie warm ihm wurde und konnte sich schon denken, dass er sich größte Mühe gab, es so aussehen zu lassen, als wäre es ihm scheinbar gleichgültig.

Nach einer halben Ewigkeit war er schließlich bei ihr angelangt und meinte nur: „das Wasser ist angenehm kühl nicht wahr? Sollte man gar nicht meinen, nach dem was wir geschwitzt haben..“
„John“ fiel sie ihm ins Wort. „Ja was denn?“ fragte er gespielt ahnungslos. „Hör auf damit!“ „Womit?“ „Ich hab dich durchschaut. Du kannst aufhören den Ahnungslosen zu spielen!“ Sie schwamm dicht vor ihn ran und legte die Arme um seinen Hals. Ihre schlanken Finger vergruben sich in seinem weichen braunen Haar.

Selbst wenn er gewollt hätte, hätte Roxton jetzt nicht mehr widerstehen können. Er umfasste mit seinen großen Händen ihre schmalen Hüften und zog sie an sich heran, um sie leidenschaftlich zu küssen. So lange schon hatte er auf diesen Augenblick gewartet, das erste mal seit sie aus dieser Höhle herausgefunden hatten. Jetzt konnte er sich wahrlich nicht mehr zurückhalten.

Roxton ließ seine Hände über Marguerites gesamten Körper gleiten und erkundigte diesen ausgiebig. Auch Marguerite stand ihm dabei in nichts nach.
Immer wieder tauschten sie leidenschaftliche Küsse aus und ihre Zungen neckten und liebkosten sich gegenseitig und erforschten den Mund des jeweils anderen.
Das anfangs noch so erfrischend kühle Wasser war mittlerweile gar nicht mehr so kühl, so sehr war es beiden warm geworden. Roxton hielt es nun nicht mehr aus und schob Marguerite sanft in Richtung Ufer.

Ein paar Minuten später lag sie hab im Wasser und halb auf der kleinen Sandbank die sich am Ufer des Sees gebildet hatte und Roxton beugte sich über sie.
Ein langsamer und gefühlvoller Kuss folgte und Marguerite ließ ihn gewähren, als er sich in „Position“ begab.

Was dann geschah nahm Marguerite wie durch eine Wattewand wahr. Er war so zärtlich und gleichzeitig doch so fordernd. Bei keinem anderen Mann bekam Marguerite solche Gefühle wie bei ihm. Und er liebte sie, das wusste sie mittlerweile. Und sie liebte ihn. Und diese Erkenntnis machte alles so einfach, dass sie sich in seine Arme fallen lassen konnte und sich im vollkommen hingab, bis sich beide erschöpft aber glücklich wieder voneinander lösten.

***

Eine halbe Ewigkeit später, so kam es beiden vor, lagen sie eng umschlungen im mittlerweile fast trockenen Gras. Roxton und war wieder in seine Hose geschlüpft und Marguerite hatte ihren Rock und ihr Camisol angezogen.
Sie sprachen über die Ereignisse der letzten Tage, lachten ausgiebig über irgendwelchen Unfug den einer ihrer Freunde verzapft hatte oder streichelten und küssten sich zärtlich.

Marguerite war so glücklich wie noch nie. Sie konnte es noch immer noch nicht so wirklich fassen, dass sie Freunde gefunden hatte, die sie wirklich mochten und einen Mann der sie aufrichtig und ohne Vorbehalten liebe.
Ohne Vorbehalte? Sie war sich in dieser Sache noch immer nicht ganz sicher. Natürlich hatte er gesagt dass ihm ihre Vergangenheit nichts ausmacht, egal was sie getan hat. Er hat gesagt er liebt sie egal wer sie ist und woher sie kommt und die bösen Worte die er ihr in der Höhle an den Kopf geworfen hatte, sagte er nur, weil er sich nicht in der Lage fühlte, sie beide da rauszuholen.
Und sie glaubte ihm auch. Ja, sie glaubte ihm, sie hatte es in seinen Augen gesehen, dass er nicht gelogen hatte.

Aber ein kleiner Rest in ihr widerstrebte immer noch das wirklich so anzunehmen. Eine Stimme tief in ihrem Innern redete ihr immer wieder ein, dass das alles keine Zukunft haben würde und dass sie spätestens in London, wenn er alles über sie herausfand, so sehr wie noch nie von irgendjemand enttäuscht sein würde. Und je mehr Zeit sie hier mit ihm verbrachte und je länger sie auf diesem Plateau noch sein würden, um so mehr würde es weh tun.

Je länger sie über das nachdachte, um so mehr fühlte sie sich auch unwohl. Natürlich bemerkte das Roxton und frage besorgt: „Marguerite ist alles in Ordnung? Du bist auf einmal so still!“
Um ihn nicht zu kränken, meinte sie: „Naja ich.. äh, ich würde mich gerne mal erleichtern, wenn du weißt was ich meine!“
„Uh...ach so. Ja klar, ich werde hier auf dich warten! Und komm bald wieder hörst du!“ „Ja klar bis gleich!“

Damit war sie im Gebüsch verschwunden, damit sie Roxton nicht mehr sehen konnte. Sie wollte einfach ein bisschen klar im Kopf werden.

Doch soweit sollte es nicht kommen. Mit einem Mal hielt ihr jemand grob mit der Hand den Mund zu und ließ sie die Spitze seiner Messerklinge am Hals spüren.
„Mach ja keine Dummheit jetzt, mein Täubchen hast du gehört, sonst kannst du Petrus demnächst Guten Tag sagen!“

Als Marguerite die Stimme des Mannes erkannte, wurde ihr ganz schlecht. `Das darf doch nicht wahr sein, wie kommt der denn hier her!´ dachte sei. `Ich habe geglaubt er sei längst tot! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Der Tag hat doch so schön begonnen.`

Der Fremde sah wie Marguerite Tränen in die Augen stiegen und flüsterte nur: „Jetzt ist es auch schon zu spät zum heulen! Hättest du dir vorher überlegen können, deinem Liebhaber ade zu sagen du Flittchen, jetzt ist es zu spät! Komm wir machen einen kleinen Ausflug! Und wehe du machst auch nur einen Mucks!“

Als der Unbekannte Marguerite geknebelt und an den Handgelenken gefesselt hatte, schubste er sie vorwärts durch das Gebüsch, immer das Messer auf sie gerichtet.

***

Mittlerweile machte Roxton sich bereits Sorgen um Marguerite. Er suchte die ganzen umliegenden Büsche nach ihr ab, aber konnte sie nicht finden...doch da! Er entdeckte ihre Halskette die sie heute getragen hatte auf dem Boden und abgebrochene Zweige in Richtung Jungel. Und es waren nicht nur Marguerites Fusspuren zu sehen sondern auch noch grössere, die zweifelsfrei von einem Mann stammten!

***

Roxton verfluchte sich innerlich, weil er Marguerite allein so weit weg gehen hat lassen. `Ich hätte sie begleiten und in der Nähe bleiben müssen, verdammt. Sie wurde entführt, da gibt es keinen Zweifel!` dachte er verzweifelt.
Zusätzlich musste er auch noch feststellen, dass er so gut wie keine Munition mehr hatte und ohne die konnte er die Verfolgung nicht aufnehmen.
Das hieß dass er den ganzen Weg zum Baumhaus zurücklaufen musste um sich Munition zu holen. Und Challenger und die anderen würden sicher auch nicht davon abzubringen sein, ihn zu begleiten. Und das dauerte auch wieder seine Zeit bis alle soweit waren. Und außerdem wäre er allein eh viel schneller als sie zu viert.
Fluchend lief er zurück zum See und verstaute Marguerites Bluse und ihre Schuhe an einem sicheren Ort – sie zurück zum Baumhaus zu nehmen erschien ihm in diesem Moment sinnlos – zog sich selbst noch hastig an und rannte dann zurück zum Baumhaus um Munition zu holen.

***

Nach einer Weile waren Marguerite und der Unbekannte an einem Höhleneingang angelangt. Den ganzen Weg über hatten sie geschwiegen, Marguerite traute sich aus Angst nichts zu sagen und der Mann schien es anscheinend nicht für nötig halten, mit ihr auch nur ein Wort zu wechseln.

Das änderte sich aber als sie vor dem Eingang der Höhle standen.
„So wir sind da mein Täubchen, mach´s dir hier aber nicht zu bequem, denn mehr als zwei oder drei Tage werden wir hier sicher nicht mehr bleiben schätz ich mal.“
„Wieso was hast du vor? Willst du mich noch mal zwingen, dich zu heiraten?“ Marguerite mochte lieber gar nicht daran denken.
Diese Frage zu stellen war aber nicht sehr klug gewesen, denn sie hatte schon fast vergessen wir brutal er immer war, auch wenn er nicht so aussah. Denn kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verpasste er ihr eine Ohrfeige, dass sie kurzzeitig nur noch Sterne sah.
„Pass lieber auf was du sagst Kleine, sonst wird es dir am Ende leid tun“ meinte er. „Und mir vielleicht auch, denn ich soll dich ja lebend abliefern!“
„Abliefern? Wie abliefern? Was hat das zu bedeuten?“ fragte Marguerite ängstlich. `Verdammt, was will er von mir?` dachte sie.
„Hör auf dumme Fragen zu stellen und geh da rein!“ sagte er unwirsch und schubste sie unsanft in die Höhle hinein.

Drinnen musste sie erst einmal staunen. Der Höhleninnenraum war mit allen möglichen Gegenständen wie Möbeln, Fellen als Teppiche und Leuchten eingerichtet. In einem Käfig neben einem Kamin waren zu Marguerites Entsetzen drei Raptoren eingesperrt, die den Eindruck machten, als hätten sie schon länger nichts mehr zu fressen bekommen.
„Ach die sind nur zur Abschreckung von Feinden. Aber Vorsicht! Sie sind ungenießbar wenn sie hungrig sind!“ meinte er mit einem breiten Grinsen als er Marguerites erschrockenes Gesicht sah.
„Keine Angst, Schätzchen. Du bist in Sicherheit, dich brauch ich noch!“ Meinte er in einer schon fast zu netten Tonlage. „Aber aus Sicherheitsgründen wirst du wohl mit dem Gästezimmer Vorlieb nehmen müssen. Hier entlang bitte!“

Das „Gästezimmer“ entpuppte sich als dunkel, kalt und nass, wie wahrscheinlich der vordere Teil der Höhle auch einmal ausgesehen haben müsste. Es erinnerte eher an ein Verließ als an einen normalen Höhlenraum.
Marguerite´s Exmann kettete sie in einer dunklen Ecke an Händen und Füssen an und meinte nur: „Das ist zu deiner eigenen Sicherheit! Ach und wenn du denkst, dass dein kleiner Liebhaber dich retten wird, vergiss es!“ fügte er noch mit einem Grinsen hinzu. „Sicher wird er nach dir suchen und sicher wird er uns auch hier finden, oder na ja, besser gesagt mich. Dann werde ich ihm alle deine Schandtaten verraten, tja und dann wollen wir doch mal sehen, was er dazu sagt!“
„Woher weißt du....“ Marguerite konnte die Frage nicht zu Ende stellen, denn er fiel ihr ins Wort: „Ich hab euch beobachtet seid ihr am See angekommen seid! Naja, ich kann dich nicht ganz verstehen, warum du ausgerechnet IHN bevorzugst? Was hat er was ich nicht habe? Vielleicht weil er ein Lord ist? Naja was auch immer!“ Laut lachend verließ er daraufhin das Verließ.
`Oh nein` konnte Margerite nur denken. `Wenn er John alles erzählt dann ist es aus. Egal wenn er gesagt hat er liebt mich, wenn er alles weis wird er mich sicher nicht mehr lieben. Es war ja schon bei dem Oroborus so schlimm!`

Jetzt konnte Marguerite nicht mehr anders und ließ ihren Tränen freien Lauf. Der Tag hatte so schön angefangen. Die scheinende Sonne nach so langer Zeit wo es geregnet hatte, Johns und ihr Ausflug an den See...und jetzt?
Jetzt saß sie in einem Kellerloch gefangen, ihre Hand- und Fußgelenke waren wund gescheuert von den Fesseln, die er ihr angelegt hatte und ihre Füße mussten einen langen Marsch ohne Schuhe durchmachen.
Außerdem hatte er sie schon auf diesem Marsch so grob wie damals behandelt. Und er würde noch grober werden, das wusste Marguerite. Sie kannte ihn nur allzu gut, Mr. Carl Green, ihren zweiten Ehemann.
Marguerite war müde, sie konnte ihre Augen kaum noch aufhalten. Und doch wehrte sie sich so stark es ging gegen die Müdigkeit, die immer stärker wurde.
Sie durfte auf keinen Fall einschlafen, nicht mit diesem Mann im Nebenzimmer! Koste es was es wolle!

Statt dessen machte sie sich Gedanken was er damit gemeint haben könnte als er sagte, er solle sie „abliefern“. Wo sollte er sie abliefern? Und vor allem an wen?

***

„Challenger! Veronica! Finn! Irgendjemand zu Hause?“ rief Lord John Roxton bereits als er noch gar nicht aus dem Fahrstuhl gestiegen war. Doch er bekam keine Antwort – das Baumhaus war leer und sogar Challenger war nicht in seinem Labor!

Statt dessen lag ein Zettel auf dem Tisch, auf dem stand:


John und Marguerite,
wir drei sind für drei oder vier Tage zu den Zangas gegangen, Assai hat ein paar neue Pflanzen gefunden, die sie noch nicht kennt und hat mich gebeten sie zu begutachten.
Veronica ist mitgegangen um sie auch mal wieder zu treffen und Finn war auch noch nie bei den Zangas.
Ihr könnt ja nachkommen wenn ihr wollt, ansonsten wünschen wir euch ein paar schöne Tage,

George.


„Na toll!“ sagte Roxton laut. „Aber um so besser, allein kann ich ihn eh besser verfolgen!“
So schnell es ging griff Roxton nach seinem Gewehr und jeder Menge Munition. Man konnte ja nie wissen!

Im nächsten Moment war er schon wieder im Fahrstuhl verschwunden und auf dem Weg nach unten, um die Verfolgung aufzunehmen.
`Hoffentlich komme ich noch rechtzeitig` betete er. `Wenn dieser Typ ihr auch nur ein Haar krümmt, dann kann er sich warm anziehen!`

***
Wieder am See angekommen ging Roxton sofort zu der Stelle, an der Marguerite verschwunden war. Die Spuren waren noch frisch, und es gab jede Menge abgebrochene Zweige. Der einzige Haken war, dass es bereits zu dämmern begann, und in vollkommener Dunkelheit konnte Roxton die Spur nicht verfolgen.

`Verdammt ich hab aber auch gar kein Glück!` fluchte er in Gedanken. Er hatte schon daran gedacht, trotzdem loszugehen, aber dieses Vorhaben war nicht klug, das wusste er. Bei Nacht allein durch den Jungel zu laufen, wo jede Menge Dinos lauerten. Außerdem war es bei stockfinsterer Nacht so gut wie unmöglich, eine Spur zu verfolgen, auch wenn sie bei Tageslicht noch so deutlich war. Er musste wohl oder übel ein Lager für die Nacht aufschlagen und im Morgengrauen seine Suche beginnen.

Roxton suchte sich ein paar trockene Äste um damit ein Feuer zu machen. Er holte den Rucksack mit den Decken und den Handtüchern, die sie mit an den See genommen hatten, breitete eine Decke aus und setze sich vor das Feuer.

Den Picknickkorb ließ er stehen wo er war, Hunger hatte er nun wirklich nicht. Und an Schlaf war erst recht nicht zu denken. Viel zu viele Gedanken kreisten in seinem Kopf, wer Marguerite entführt haben könnte und warum. Affenmenschen waren es sicher nicht. Die hatten keine Schuhe an und wer immer Marguerite entführt hatte, der hatte Schuhe angehabt.

Roxton machte sich schreckliche Sorgen um Marguerite, denn sie war ja barfuss und musste sicher den ganzen Weg so zurücklegen. Und was war, wenn er ihr etwas antat? Und vor allem WER war ER?
Ja, männlich war dieser jemand sicherlich, da war sich Roxton ganz sicher. Die Schuhabdrücke waren groß, fast noch größer als seine, und Roxton hatte auch schon für einen Mann relativ große Füße.

Ausserdem war er sich relativ sicher, dass es jemand aus Marguerites mysteriöser Vergangenheit war, der sie entführt hat, über die er so gut wie nichts wusste. Er konnte nicht ganz genau erklären, warum, aber er fühlte regelrecht, dass es so war. Sein Instinkt sagte es ihm, und der täuschte ihn so gut wie nie.
Da kam dann auch gleich die nächste Frage auf: WARUM? Warum hatte er sie entführt?

Vor dieser Frage hatte er ein wenig angst. Gut, er würde, egal was kommt, zu ihr halten. Egal was er vielleicht über sie herausfinden würde, er liebte sie über alles. Das einzige war nur, Marguerite das klar zu machen. Sie war immer noch nicht so weit, obwohl sie immer so tat, das wusste John.
`Oh Marguerite, warum hast du mir nichts erzählt` dachte Roxton traurig. `Du denkst immer noch, deine Vergangenheit steht zwischen uns...`

Roxton beschäftigte sich noch bis zum Morgengrauen mit seinen Gedanken, und sobald die ersten Sonnenstrahlen da waren, packte er den Rucksack mit den Decken, sein Gewehr und die Munition und machte sich auf den Weg um seine Liebste zu suchen.

***

In dieser Nacht, gegen elf Uhr, kam er noch einmal herein um ihr Wasser und etwas Brot zu bringen.

„Das kannst du gleich wieder mitnehmen, ich werde nichts von dir essen!“ entgegnete Marguerite trotzig.
„Oh du wirst schon, meine Süße! Der Durst und der Hunger wird dich quälen, irgendwann wirst du schon was nehmen!“ „Vorher sterbe ich lieber!“ beharrte Marguerite.
„Na pass lieber auf! Wir haben einen weiten Weg vor uns, und du sollst ja nicht auf halbem Weg wegsterben! Das wäre sehr bedauerlich, auch für mich!“ meinte er mit einem Grinsen im Gesicht. „Was? Ich will jetzt endlich wissen warum du hier bist! Und zu wem du mich bringst! Was soll das alles?“

Marguerite wollte eigentlich kein Wort mit ihm wechseln, aber sie musste diese Sache einfach fragen. Vielleicht hatte sie ja Glück und er erzählte ihr von seinen Plänen, aus welchen Gründen auch immer. Trotz ihrer Angst, wer ihn „geschickt“ haben mochte, musste sie es einfach wissen.

„Du stellst einfach zu viele Frage, meine Teuerste, aber ich bin heute in guter Stimmung!“ meinte er mit seiner übertrieben freundlicher Art, die nur geheuchelt war.
„Du erinnerst dich sicher noch an den Krieg. Als Spionin warst du ja mit von der Partie, unter anderem auch in Deutschland, weist du noch?“ „Du weißt dass ich Spionin war?“ fragte Marguerite verblüfft. „Ich weiß alles! Ich weis was du getan hast, um an die geheimen Informationen der Deutschen zu kommen. Alles meine Liebe. Um zu meinen Gründen zurückzukommen: ich habe einen Pakt mit einem deiner anderen Ehemänner, mit diesem Deutschen....nicht mit dem Baron, nein mit dem anderen....ja genau, Ferdinand oder so! Er ist doch so ein hohes Tier bei der Marine!“

Ferdinand Klein war Oberbefehlshaber der deutschen Flotte im Ersten Weltkrieg. Nachdem der Baron gestorben war, den Marguerite geheiratet hatte, um an geheime Informationen zu kommen, bekam sie den Auftrag des englischen Königshauses, sich an ihn heranzumachen, um noch mehr Material der Gegner herauszubekommen.

Und es klappte! Ferdinand fiel auf ihren Charme und ihren gespielten Liebreiz herein und heiratete sie. Er war auf seine Art brutal und hinterhältig, aber wagte es nie, selbst die Hand gegen irgendjemand zu erheben. Die Drecksarbeit ließ er immer seine Untergebenen machen.
Marguerite aber liess er während ihrer ganzen Ehe kein einziges mal schlagen. Erst als er herausbekam, dass sie Spionin war, drehte er durch. Wie durch ein Wunder gelang Marguerite die Flucht, noch ehe er ihr etwas tun konnte.
Anstatt nach England zurückzukehren, floh sie nach Shanghai. In England wäre sie als Verräterin ebenfalls zur Rechenschaft gezogen worden. In Shanghai arbeitete sie für Mr. Xan. Es war vielleicht nicht das klügste was sie tat, aber sie brauchte Geld und dort war sie relativ sicher vor dem Krieg.
Als der Krieg zu Ende war kaufte sie sich ein Ticket nach England, das Mr. Xan aus ihrem Zimmer entwenden liess und ihr den Handel anbot, ihm die andere Hälfte des Oroborus vom Plateau zu bringen...
Aber von Ferdinand Klein hatte sie nie wieder ein Sterbenswörtchen gehört – bis jetzt!

„Nein“ sagte sie laut. „Nein! Ich werde ganz sicher nicht mit zu ihm gehen! Seine Leibdiener machen Hackfleisch aus mir! Lass mich gehen! Bitte!“
Carl Green fing an laut zu lachen. „Oh nein, Schätzchen! Ganz bestimmt nicht! Ich bin ihm was schuldig, und um nicht selbst seinen Zorn durch seine Männer zu spüren, habe ich angeboten dich zu suchen und zu ihm zu bringen. Na, da hat er nicht nein gesagt, und ich halte alle meine Versprechen!“
„Und wie gedenkst du von hier wegzukommen? Wir versuchen es schon drei Jahre lang und habens nicht geschafft!“
„Ihr meint ja auch immer noch, man könnte nur mit dem Ballon hierher kommen. Nun ich habe einen anderen Weg gefunden! Du wirst schon bald sehen, welchen, aber bis dahin solltest du wirklich was essen und was trinken. Wenn du morgen noch immer nichts gegessen hast, werde ich dich wohl dazu zwingen müssen. Du kannst es dir aussuchen!“

Marguerite konnte nicht anders und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte verloren, so oder so. Wenn John sie wirklich retten konnte, wäre trotzdem alles zu Ende, wenn er von ihrer Vergangenheit erfuhr.
Wenn er zu spät kam, dann würde sie den Zorn ihres letzten Ehemanns auf sich nehmen müssen, und bis dahin konnte sie sich schon mal einen kleinen Vorgeschmack von Carl Green nehmen, denn sie würde sicherlich nicht von dem Brot essen und auch kein Wasser trinken, koste es was es wolle.

***

Wie versprochen, „kümmerte“ sich Carl Green am nächsten Morgen höchstpersönlich darum, dass Marguerite wenigstens von dem Wasser trank. Er schlug sie so lange, dass sie am Schluss doch nachgab und zwei, drei Schlucke trank.

Vom Äusserlichen her sah man es Green in keinster Weise an, doch er war sehr stark. Auf jeden Fall viel zu stark für Marguerite. Ausserdem war sie ja noch angekettet, das erschwerte es ihr zudem noch, sich zu wehren.

Aber das hätte sowieso nichts gebracht. Langsam aber sicher fing sie an, sich damit abzufinden. So wie sie es schon früher getan hatte, als er mit ihr so umsprang. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Sie konnte nur hoffen, dass sie, bevor sie aufbrachen, vorher erfror, denn er hatte ihr natürlich keine Decke gegeben, und in der Höhle war es, bis auf seine Gemächer, sehr kalt.

„Das nächste Mal tust du lieber gleich was ich dir sage!“ Carl Green riss Marguerite aus ihren Gedanken. „Ich will ja Ferdinand oder seinen Leuten nicht den Spaß verderben!“ Er grinste breit als er ihren Gesichtsausdruck sah, der so voller Hass war. „Du isst lieber das Brot auf. Sagen wir, bis Mittag. Dann brechen wir auf. Es ist zwar schon ein wenig hart, aber macht nichts. Und diesmal erwarte ich, dass der Teller leer wird, einverstanden?“

Mit diesen Worten verliess er den feuchten und kalten Teil der Höhle, um die restlichen Vorbereitungen für ihren Aufbruch zu organisieren.

***

Lord John Roxton wartete bis zur Morgendämmerung, dann brach er auf. Er beeilte sich und lief so schnell er konnte. Jede Minute zählte, denn er wusste ja nicht, was dieser Verrückte mit Marguerite machen würde!

Er musste ein ganzes Stück weit laufen, und das auch noch mitten durch den dichten Dschungel. Überall waren dornige Ranken, und er dachte mit Hass auf Marguerites Entführer daran, dass sie ja dieses ganze Stück barfuss zurücklegen musste.

Aber ihm fiel zu seinem Erstaunen auf, dass der Entführer keinen Wert darauf gelegt haben schien, ihre Spuren zu verwischen. Ja, es schien ihm gerade so, dass er absichtlich eine Fährte gelegt und gehofft hatte, Roxton würde nachkommen. Das gefiel ihm natürlich gar nicht, aber er ging natürlich entschlossen weiter.

Nach ungefähr zweieinhalb Stunden Fussmarsch erreichte Roxton einen Höhleneingang, in den die Spur hineinführte. `Ich muss vorsichtig sein` dachte er. `Es könnte eine Falle sein.`
Langsam und vorsichtig ging er näher auf die Höhle zu und betrat sie durch den hohen Eingang....

***

„Ich hab dir doch gesagt du sollst das hier essen! Sag mal rede ich eigentlich gegen eine Wand?“ brüllte Carl Green. „Sag mal tust du eigentlich nur so oder bist du wirklich so schwer von Begriff? Aber wie heisst es doch so schön: wer nicht hören will muss fühlen!“

Und wieder schlug er zu. Aber es dauerte nicht so lange wie am Morgen. Nach ein paar Augenblicken liess er von Marguerite ab, die alles über sich ergehen liess, ohne auch nur einen Mucks zu machen.

„Ich hab jetzt wirklich keine Zeit, mich mit dir hier rumzuärgern. Dein Freund wartet draußen. Ich werde mich nun ein wenig mit ihm unterhalten. Und du isst das auf, oder du kannst was erleben!“ Sprach er und war sogleich wieder verschwunden.

`Oh nein, bitte nicht. Er darf nicht mit John reden!` dachte Marguerite verzweifelt. `Was er ihm wohl alles sagen wird?`
Aber darüber musste sich Marguerite keine Gedanken machen, denn sie konnte jedes einzelne Wort verstehen, was die beiden Männer sprachen. Durch die Gitterstäbe der Tür konnte man alles nämlich sehr gut hören....

***

„Nur keine Angst, kommen Sie ruhig näher, ich habe Sie schon erwartet, Sir.“ Roxton erschreckte sich fast zu Tode, als er eine Stimme aus der Höhle heraus vernahm.

Er trat näher und musste erst einmal staunen. „Was zum Teufel....“ brachte er hervor. Und natürlich hatte er auch die Raptoren nicht übersehen. „Gefällt Ihnen meine kleine Wohnung? Und meine niedlichen Haustierchen? Nur zu schade dass ich sie schon heute wieder verlassen muss...naja aber man kann ja schließ nicht alles haben, nicht wahr?“

Erst jetzt widmete Roxton seine Aufmerksamkeit dem Mann, der zurückgelehnt und mit einem Brandy in der einen und einer Zigarre in der anderen Hand in einem gemütlichen Sessel saß und zu ihm herüberlächelte.
Dieses falsche Lächeln brachte Roxton fast auf die Palme.

„Wer zum Teufel sind Sie? Und warum haben Sie Marguerite entführt? Und wo ist sie überhaupt?? Was haben Sie mit Ihr gemacht?“ Roxton hatte sich vorgenommen, erst einmal normal mit dem Mann zu reden. Aber dieses selbstgefällige Grinsen schmiss diesen Vorsatz über den Haufen.

„Nur mit der Ruhe mein Freund. Ich werde Ihnen alles beantworten, Schritt für Schritt. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Brandy? Eine Zigarre? Ich habe alles was Ihr Herz begehrt!“
„Ich bin nicht gekommen um mit Ihnen ein Kaffeekränzchen abzuhalten!“ meinte Roxton sauer. „Wo ist Marguerite?“
„Sie ist drüben im Nebenzimmer. Keine Angst, es geht ihr gut. Aber ich habe wirklich mit Ihnen zu reden. Bitte.“

„Na gut, Mr....?“ „Green. Mein Name ist Carl Green. Damit haben wir ja ihre erste Frage schon beantwortet. Sehen Sie, wie schnell es geht! Und nun setzen Sie sich doch! Ich möchte Ihnen einiges über Ihre Freundin erzählen!“ meinte er mit dem selbstgefälligen Lächeln, das Roxton schon kannte.

„Na gut erzählen Sie. Aber machen Sies kurz. Und setzen werd´ ich mich auch nicht!“ meinte Roxton sauer. Dieses Spielchen was dieser Green da abzog, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er wolle endlich zu Marguerite.

„Na gut.“ sagte Carl Green. „Wenn Sie sich nicht setzen wollen, bitteschön. Aber ich hoffe sehr, dass Sie mir nun gut zuhören, denn eines können Sie mir glauben. Alles was ich über ihre Freundin zu sagen habe, ist wahr. Ich habe Nachforschungen erstellt, hatte meine eigenen geheimen Quellen und kann über fast ihr ganzes Leben Buch führen! Ach ja und bitte unterbrechen Sie mich nicht, das mag ich nämlich nicht!“
Roxton nickte nur und somit fing Carl Green an zu erzählen:

„Marguerite weis nicht wo sie herkommt und wer sie ist. Sie wurde als Baby in einem Klosterinternat abgegeben. Wer immer sie da abgesetzt hatte, zahlte eine horrende Summe Schweigegeld. Alle sollten glauben, Marguerite wäre vor der Tür gefunden worden. Mehr weiß ich leider auch nicht. Ich konnte nicht mehr von der Leiterin herausfinden.
Bis sie 18 war, blieb sie noch in dem Internat und dann wurde sie entlassen. Natürlich hatte sie auch ein paar Fluchtversuche hinter sich, aber die brachten nichts. Sie wurde immer wieder gefunden.
Naja, als sie jedenfalls 18 war, ging sie nach Paris, wo sie sich mit dieser Adrienne oder so zusammenschloss. Die beiden raubten Juwelierläden und Museen aus, um sich zu ernähren. Ja, ich muss schon sagen, die Kleine ist eine ausgezeichnete Diebin! Naja, jedenfalls fast, sie wurden nämlich geschnappt und bei dem Versuch, zu entwischen, war Marguerite ihr eigenes Leben mehr wert als das ihrer Freundin. Adrienne wurde erschossen. Marguerite floh nach Mailand, wo sie einen gewissen Jean traf.
Der Franzose malte dort die verschiedensten Gemälde und irgendwie schien Marguerite was für ihn übrig zu haben. Jedenfalls heirateten die beiden. Alles war toll doch schon nach ein paar Wochen fand Marguerite heraus dass er sie betrog und trennte sich von ihm.
Sie ging wieder zurück nach London. Dort bestahl sie die Markthändler und einige andere Kaufleute und als die Polizei sie erwischte und in ihr die Juwelendiebin von Paris erkannte, schaltete ich mich ein. Ich versprach mich um sie zu kümmern. Ich bin ein hohes Tier bei Scotland Yard, müssen Sie wissen.
Jedenfalls liess ich mir den Spaß etwas kosten: ich überredete sie, meine Frau zu werden, wo sie schließlich auch einwilligte.
Tja, nur leider hielt unsere Ehe nur etwa zwei Jahre. Sie haute von mir ab und ließ sich scheiden. Ich habe nichts unternommen, um sie wieder zurück zu holen, und sie wurde auch nach ein paar Tagen schon wieder verhaftet.
Dann brach der Krieg los und man machte ihr einen Vorschlag. Sie sollte die Deutschen ausspionieren und wegen ihrer perfekten Sprachkenntnisse und ihren Fähigkeiten als Juwelendiebin und ihrem enormen Wissen – weis Gott, wo sie sich das angeeignet hat – schickte man sie los. Sie bekam den Auftrag, einen deutschen Baron zu heiraten und geheime Pläne auszuspionieren. Das ging auch eine Zeitlang gut, nur hatte die Sache einen Nachteil – der Baron war nicht mehr der Jüngste! Der Arme starb an Herzversagen und somit war Marguerite Witwe.
Aber das blieb sie nicht lange. Sie bekam von der Krone den Auftrag Ferdinand Klein zu umgarnen, Oberbefehlshaber der deutschen Flotte. Sie tat dies auf ihre unverbesserliche Art und hatte natürlich auch prompt Glück. Der gute biss an und zwei Wochen später waren sie verheiratet.
Obwohl Ferdinand dafür bekannt war, wie grauenvoll er war – er hatte keine Gnade mit seinen Kriegsgefangenen, doch er liess immer alle Drecksarbeit seine Leute für sich machen – doch er legte nie Hand, oder besser gesagt liess nie Hand an Marguerite legen. Er war wie vernarrt in sie.
Doch mit dem Ende des Krieges floh sie nach Shanghai und liess sich abermals von ihm scheiden. Er fand heraus wer sie wirklich war. Und er schwor sich Rache.
Und aus dem Grund bin ich hier. Ich habe einen Pakt mit Ferdinand geschlossen, und mein Teil des Paktes besteht darin, sie zu ihm zu bringen. Ich habe einen Weg hierher gefunden, und ich werde auch wieder einen Weg von hier weg finden.“

***
Roxton hatte ihm die ganze Zeit zugehört. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum er dieser Green ihm das alles erzählt. Sicher, vielleicht wollte er, dass er sich von Marguerite abwendet und wieder zurückging, aber nur weil sie früher in der Vergangenheit alle diese Fehler begangen hatte, hieß das noch lange nicht dass er sie liebte.
Ja, diese Geschichte Greens zog Roxton sogar noch mehr zu Marguerite hin. Wenn er sich vorstellte, was sie alles hatte in ihrem Leben mitmachen müssen....Er wollte sie unbedingt für all das entschädigen!

„Was wollen Sie eigentlich damit bezwecken, dass Sie mir das alles erzählen! Dass ich mich angewidert davonstehle und die Frau die ich liebe in den sicheren Tod schicke? Da haben Sie sich geschnitten!“ meinte Roxton wütend.
„So was in der Art hab ich mir schon gedacht...Sie müssen aber schon wissen dass Marguerite keinerlei Skrupel hatte und alle beseitigt hat, die ihr im Weg standen! Alles was ihr passiert ist, und von dem Sie vielleicht meinen, Mitleid mit ihr haben zu müssen, geschah ihr schon ganz recht!“
„Sie hat sich verändert seid wir hier ankamen!“ meinte Roxton aufgebracht. „Und im Krieg gab es eine Menge Leute die sicherlich mehr Menschenleben auf dem Gewissen haben, als Marguerite!“
„Oh sicher und Sie auch, Major Lord John Roxton! Ich habe nämlich auch Nachforschungen über Sie angestellt! Dein eigenen Bruder durch so eine Dummheit zu verlieren...naja. Und die Buddhistischen Mönche konnten Ihnen da ja auch nicht weiterhelfen! Genau so eine verletzte Seele wie Marguerite! Sie passen wirklich blendend zusammen! Schade nur, dass das jetzt auch vorbei ist!“
„Oh nein, Sie irren sich! Und wenn ich Sie töten muss, Marguerite kommt mit mir! Und wenn ich sehe, dass sie nur eine Schramme davongetragen hat, sind Sie erst recht dran! Ich finde einen Grund um Sie fertig zu machen!“

Roxton war jetzt richtig wütend. Was erlaubte sich dieser Kerl eigentlich!
„Na sie werden doch nicht gleich in die Luft gehen, mein Lieber! Nur weil ich Ihre Liebste entführt habe machen Sie so ein Theater. Und nur weil sie nicht brav ihr Wasser trinken und ihr Brot essen wollte musste ich eben ein bisschen nachhelfen! Meine Güte!“ sagte Carl Green genervt.
„WAS? Sie haben sie GESCHLAGEN???“ Roxton meinte, gleich explodieren zu müssen.
„Ha! Das waren doch nur Klapse! Sie hat es sich verdient! Auch das von früher!“ antwortete Green trotzig wie ein kleines Kind.
„Wie früher? Was haben Sie früher getan?“ fragte Roxton vorsichtig. Er mochte es sich lieber nicht vorstellen.

***

Im Nebenzimmer schlug Marguerite die Hände vor die Augen. Sie hatte alles mit angehört. `Oh mein Gott` dachte sie. `Jetzt muss er ihm auch noch DAS sagen!`
Gut, SIE hatte nichts schlimmes getan, sie war die Leid tragende, aber allein die Erinnerung daran ließ die Tränen in ihre Augen steigen. Sie WOLLTE sich nicht daran erinnern. Es tat zu weh.
Und wenn John auch zu ihr stehen würde, wenn alle ihre Fehler aus der Vergangenheit für ihn nicht zählten, und er ihr immer die Wahrheit gesagt hatte, wo sie dachte, er könnte das gar nicht, wenn er ihre schlimme Vergangenheit erfuhr – trotzdem hatte sie angst, wie er DARAUF reagieren würde...

***

Carl Green lachte laut los. „Ach kommen Sie, was würden Sie denn tun, wenn Ihre Frau Sie betrügt? Sie hat behauptet, sie wurde vergewaltigt, aber das glaubt doch keiner!“
Roxton konnte nicht glauben was er da hörte. Doch nur einfach geschlagen hatte er Marguerite deswegen nicht. Roxton ahnte, dass mehr dahinter stecken musste. Vorsichtig fragte er: „Los sagen Sies, was ist passiert? Was haben Sie getan?“

„Nun mein Freund, jetzt haben Sie wahrscheinlich allen Grund mich zu hassen, wenn ich Ihnen das erzähle! Aber sie hat mir auch wehgetan. Naja, vielleicht hätte ich’s gar nicht erfahren, wenn sie nicht von diesem Typ schwanger geworden wäre. Ich bin unfruchtbar müssen Sie wissen. Ich konnte gar nicht der Vater sein! Und ein fremdes Kind dulde ich nicht in meinem Haus! Da hab ich eben tun müssen, was getan werden musste!“ erzählte Carl Green fast nebenbei mit einem Schulterzucken.

Jetzt war Roxton wirklich fast vorm Platzen. Er musste stark an sich halten, um Green nicht sofort an den Hals zu gehen. Langsam atmete er ein und aus und sagte dann: „Sie haben gesehen dass sie schwanger war und da haben Sie ihr einfach das Kind aus dem Leib geprügelt?“ Es fiel ihm wirklich schwer, diese Worte auszusprechen.
„Naja wäre sie früher damit gekommen, hätte es nicht so weh getan. Sie war aber schon im fünften Monat, also....selber Schuld!“
„Schluss das reicht!“ Roxton wurde jetzt lauter. Er konnte diese Selbstgefälligkeit dieses Mannes nicht mehr ertragen. Die Selbstverständlichkeit, wie er schilderte, was er Marguerite angetan hatte.
„Dafür werde ich Sie töten, und wenn es das letzte ist was ich tue.“ Grollte Roxton. „Oh na ja kommt darauf an, wer zuerst wen tötet, nicht wahr?“ meinte Green und ging in Richtung Raptor-Käfig. „Ich habe ihnen schon länger nichts mehr zu fressen gegeben, müssen Sie wissen. Sie haben sicher Hunger.“ Sagte er mit einem Grinsen.
„Ach ja? Schön für Sie!“

Roxton zog seine Pistole und schoss. Der Schuss ging an Greene vorbei.
„Ha! Sind Sie Lord Roxton, der berühmte Großwildjäger oder nicht??? Können Sie nicht zielen oder was?“ Das Höhnische Lachen Greens vermischte sich mit dem wütenden Gebrüll der drei Raptoren.
„Ich habe Sie gar nicht treffen wollen, Sie Trottel!“ meinte Roxton. Erst jetzt bemerkte Carl Green, dass Roxton das Käfigschloss der Raptoren aufgeschossen hatte. Und er hatte gerade keine Waffe in Reichweite, um sich gegen die Dinosaurier zu wehren.

Dann ging alles ganz schnell. Die Raptoren kannten Greene und sie wussten, was er alles mit ihnen getan hatte und machten sich zu dritt über ihn her. Er hatte gar keine Gelegenheit mehr, einen Schrei auszustoßen.
Roxton versteckte sich hinter einem Schrank und hoffte, dass die Raptoren vergessen hatten, dass er auch noch da war. Und tatsächlich – nachdem sie mit Greene fertig waren, verließen sie die Höhle und genossen ihre neue Freiheit.

Roxton atmete erleichtert aus. Geschafft! Jetzt hieß es Marguerite holen und so schnell wie möglich raus hier! Greene hatte gemeint, sie sei in einem Nebenzimmer und tatsächlich entdeckte er eine Tür mit Gitterstäben daran. Er öffnete sie und ging hinein.

Dann war erst mal alles dunkel und er musste ein paar Sekunden warten bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Und selbst dann erkannte er in den Ecken immer noch nichts. Aber was er erkannte, war, dass dieser Raum eher an eine Folterkammer als an ein „Nebenzimmer“ erinnerte. Der Raum war kalt und nass.

„Marguerite?“ frage Roxton vorsichtig. Keine Antwort. „Marguerite bist du da?“ Wieder nichts. Langsam aber sicher wurde Roxton mulmig zu mute, er hatte doch nicht etwa ??
Nein, hatte er nicht, denn er hörte ein leises Schluchzen in einer der finsteren Ecken.
„Marguerite! Ich bin es John! Es ist alles vorbei du brauchst keine Angst mehr zu haben!“ Er war so erleichtert darüber, dass seine Befürchtungen sich nicht bestätigt hatten.

„Ach das hat doch alles keinen Sinn mehr“ kam es leise aus der Ecke, aber gerade noch so laut, dass Roxton die Worte verstanden hatte.
„Was?“ Frage Roxton „Was meinst du damit?“ Er konnte immer noch nicht genau ausmachen, wo Marguerite nun genau war.
„Ich hab alles mitgehört John. Jedes Wort hab ich verstanden. Auch wenn du sagst, du liebst mich – was ich auch glaube – aber das mit uns wird nie eine Zukunft haben. Es ist einfach zu viel passiert. Es, es hat keinen Sinn. Wenn wir wieder in London sind, dann...dann...ach zum Teufel!“

Jetzt war sich Roxton ziemlich sicher aus welcher Ecke die Stimme kam. Aber statt darauf zuzulaufen, schritt er nur langsam und unsicher darauf zu. Warum nur wollte diese Frau sich nicht helfen lassen?
„Marguerite rede keinen Unsinn! In meiner Familie gab es schon schlimmere Vorkommnisse, glaub mir, und die Leute reden nur so lange darüber, bis es einen neuen Klatsch gibt. Bitte lass dir doch helfen. Ich kann nicht mit ansehen, wie du so leidest!“

Mittlerweile war er bei ihr angekommen und erschrak erstmal. Sie hatte lauter blaue Flecke und Schürfwunden. Und sie zitterte. Vor Kälte oder vor Angst, vermochte er nicht zu sagen.
„Marguerite bitte! Ich liebe dich! Und ich werde immer für dich da sein, das weist du doch!“

Während er diese Worte sagte, kniete er sich langsam neben sie und nahm sie in den Arm. Marguerite konnte nun nicht mehr anders und ließ ihren Tränen freien Lauf. Im Moment war er alles was sie hatte und sie war froh, dass er bei ihr war und sie gerettet hatte.

***

Sie saßen eine ganze Weile so da und als sich Marguerite wieder etwas beruhigt hatte, meinte Roxton sanft: „Wir sollten lieber von hier verschwinden, oder was meinst du?“
Marguerite nickte nur. Sie wollte nur schnell weg von diesem Ort.

Nur eines hinderte sie noch daran: sie war an Händen und Füßen gefesselt und der Schlüssel war irgendwo in der Wohnhöhle.
„Ich werd ihn suchen gehen“ sagte Roxton. „Ich bin gleich wieder da.“
Als er aufstehen wollte, rief Marguerite erschrocken: „John...nein, ich...“ Sie hatte furchtbare Angst allein zu bleiben, auch wenn es nur für kurze Zeit war.
„Hey schon gut!“ Er strich ihr mit der Hand über die Wange. Sie war sehr kalt. Roxton holte seinen Rucksack hervor, in dem er zum Glück die Decken von ihrem Picknick noch eingepackt hatte, holte eine heraus und legte sie Marguerite um die Schultern.
„Ich bin so schnell es geht wieder da. Aber so kann ich die Ketten nicht losmachen. Ich brauche die Schlüssel!“ Marguerite nickte nur und er gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und ging nach vorne um die Schlüssel zu holen.

Nach ungefähr fünf Minuten fand er sie in einer Schublade einer Kommode. Es war ein Bund mit etwa zehn Schlüsseln und er hoffte, dass einer davon passen würde.
Marguerite kamen diese fünf Minuten, in denen er weg war, wie eine halbe Ewigkeit vor. Deshalb war sie doppelt froh als er mit dem Schlüsselbund wieder kam und einen nach dem anderen ausprobierte. Beim fünften Schlüssel hatte Roxton Glück. Dieser passte und die Fesseln gingen auf. Sie hatten an Marguerites Hand- und Fußgelenken rote Striemen hinterlassen.

„Wir müssen los!“ meinte Roxton nochmals. „Wenn wir weit genug von hier weg sind, werde ich mich um deine Wunden kümmern, ok?“ Die Raptoren gingen Roxton immer noch nicht aus dem Kopf. Wer weiß, vielleicht warteten sie irgendwo draußen vor der Höhle....

Auch Marguerite wollte so schnell wie möglich wieder ans Tageslicht. Sie machte Anstalten, aufzustehen, aber Roxton kam ihr zuvor, indem er sie auf die Arme nahm.
„Du willst doch nicht wirklich den ganzen Weg noch mal barfuß zurücklaufen?“ fragte er. „Nein, ich....“ stotterte Marguerite. Sie wusste momentan gar nicht, was sie darauf antworten sollte. Schließlich sagte sie nur kurz und knapp: „danke John.“
Lächelnd antwortete er: „du weißt doch, dass ich dich bis ans Ende der Welt tragen würde! Aber jetzt schnell raus hier! Mir gefällt es hier gar nicht!“

Als sie durch den Wohnraum kamen, drehte Roxton sich extra so, dass Marguerite nichts von Carl Green sehen konnte – oder besser gesagt was noch von ihm übrig war. Er lag immer noch an der Stelle wo die Raptoren ihn angegriffen hatten.

Draußen im Freien atmeten beide erst mal tief durch – wegen der frischen Luft und der Tatsache, dass kein Raptor zu sehen oder zu erahnen war.
Den ganzen Weg über bis zum Baumhaus schwiegen beide. Roxton wollte eigentlich erst an einem Fluss oder See Halt machen, um sich um Marguerites Wunden zu kümmern, er entschied dann aber, dass es besser sei, gleich zum Baumhaus zu gehen. Challenger und die anderen waren bei den Zangas, also brauchten sie sich nicht um ungewünschte Fragen kümmern.
Marguerite war immer kurz davor, einzuschlafen. Sie hatte vergangene Nacht kein Auge zugemacht und auch die Nacht davor war sie – wegen des Regens – die meiste Zeit wach gewesen. Aber aus irgendeinem Grund konnte sie nicht einschlafen – oder traute sich nicht, einzuschlafen. Alles war noch so frisch, die Erinnerungen, die sie in den letzten Stunden mitmachen musste. Sie hatte zu viel angst, dass sie Alpträume, die sie früher deswegen so stark hatte, wiederkamen.

Als sie am Baumhaus angekommen waren, dämmerte es bereits wieder. Die beiden fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben und Roxton brachte Marguerite in ihr Zimmer.
Nachdem er ihren Rock und ihr Unterhemd ausgezogen hatte und überaus vorsichtig ihre Schürfwunden gereinigt und die Wunden an den Stellen wo die Fesseln waren, verbunden hatte, ließ er Marguerite allein, damit sie sich noch die Haare waschen und ein Nachthemd anziehen konnte.

Während der Zeit machte er sich daran, etwas zu essen zu kochen. Roxton wollte erst Raptor zubereiten, entschied sich aber zugleich wieder dagegen. Das musste nun wirklich nicht sein! Stattdessen gab es Hühnchen mit Gemüse aus dem Garten.
Als das Hühnchen durch war, machte Roxton ein Tablett zurecht, um es Marguerite zu bringen.

Die Befürchtung, dass sie vielleicht nichts essen mochte, bestätigte sich Gott sei dank nicht. Er wusste zwar dass sie Hunger haben musste, denn Green hatte ja erwähnt, dass sie nichts essen wollte, aber er hatte immer noch angst, sie traute sich immer noch nichts zu essen.
Doch der Hunger war anscheinend doch stärker als alles andere.

Nach dem Essen meinte Marguerite: „danke John das war wirklich sehr lecker...wie immer.“ Fügte sie noch mit einem traurigen Lächeln hinzu.
„Hey was ist los, warum so traurig?“ frage er und strich ihr zärtlich mit dem Zeigefinger über die Wange. „Du weist du kannst mir alles sagen.“
„Ja ich weis, ich hätte es ja wieder verbrennen lassen, aber egal...“ meinte sie nur und sah weg. „Außerdem bin ich euch ja eh nur ein Klotz am Bein und....“
Weiter kam sie nicht denn Roxton fiel ihr ins Wort. „Was? Wie kommst du denn darauf? Ist es das was du von uns denkst?“ Er konnte es nicht fassen, dass sie so einen Gedanken auch nur halbwegs ernsthaft in Erwägung ziehen könnte.
„Ja das denke ich!“ antwortete sie fast schon trotzig. „Du, Veronica und Finn verstehen sich perfekt aufs Jagen, um uns zu ernähren, und Challenger bereichert uns mit seinen Erfindungen, und ich kann nur das Essen anbrennen lassen....“
„Ach ja und du sprichst dutzende Sprachen, kennst dich in Geschichte aus und ausserdem wer hat gesagt, dass du nicht jagen kannst! Du zielst genauso gut wie wir anderen auch! Und sag jetzt nicht, dass ich das nur so gesagt hab um dich zu schonen! Wir alle mögen dich und ich liebe dich, auch wenn ich es noch tausend mal sagen muss, bis du es begreifst! Ich LIEBE dich, verstehst du?“

Bei seinen letzten Worten hatte er ihre Wangen zwischen seine breiten Hände genommen und sah sie fest an. Und schon allein deswegen musste Marguerite wieder anfangen, zu weinen, ob sie es nun wollte oder nicht.
„Das hat doch alles keinen Sinn! Wir sind im Jungel und wenn wir irgendwann hier wieder wegkommen dann...dann....“
„Was ist dann? Du glaubst immer noch nicht, dass wir zusammen bleiben können? Wegen dieser Trottel vom Königshaus? Glaub ja nicht, die wären einen Deut besser! Wenn nicht noch schlimmer! Das einzige was sie wirklich können, ist große Töne spucken und über alles und jeden lästern.“
Wieder nahm er ihre Wange, aber diesmal nur mit einer Hand. Zärtlich fuhr er mit dem Daumen daran entlang. „Das einzige was zählt ist, dass wir beide glücklich werden, und das können wir ja wohl nur gemeinsam. Ich jedenfalls kann nur mit dir glücklich werden Marguerite.“ Sagte er sanft.

„Ich doch auch. Ausserdem weis ich ja auch gar nicht wo ich hinsollte, aber was ist mit deiner Mutter zum Beispiel? Sie muss es doch furchtbar stören!“
Diese Frage überraschte Roxton so sehr, dass er erst mal mit offenem Mund dasaß und sie verdutzt anstarrte. Dann fing er an schallend zu lachen.
Als er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, meinte er: „meine Mutter? Oh Marguerite, sie wäre die letzte die etwas gegen unsere Beziehung haben wird! Sie wird dich lieben, glaub mir!“

Jetzt war es Marguerite, die ihn verblüfft anstarrte. „Aber....“ „Nein Marguerite“ unterbrach er sie. „Mutter kommt aus fast den selben Verhältnissen wie du. Sie wurde von ihrer Familie im alter von 7 Jahren auf die Strasse gesetzt und seitdem war sie obdachlos und musste sich ihren Lebensunterhalt zusammenklauen. Als mein Vater im alter von 20 Jahren einen Besuch in der Stadt zu tätigen hatte, ritt er durch die Armenviertel, um eine Abkürzung zu nehmen. Er sah sie, war hin und weg und beschloss, sie zu heiraten. Niemand hätte ihn davon abbringen können.“ Sagte er mit einem Grinsen.

„Das ist.....erstaunlich“ Marguerite suchte nach den richtigen Worten. „das hätte ich nie für möglich gehalten!“ „Na siehst du! Es gibt massenweise Skandale und die Leute reden nur solange über einen, bis der nächste da ist, und das dauert meistens nicht sehr lange.“ Sage er mit einem Lächeln. „viel wichtiger ist doch, dass du und ich glücklich werden“

Er beugte sich langsam vor und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn erwiderte, aber trotzdem tat sie es, und somit nahm er ihre Einladung an und es wurde ein langer, zärtlicher Kuss daraus.
Als sie sich nach einiger Zeit wieder voneinander lösten sah Roxton zu seiner Freude, wie Marguerite ihn anlächelte.
Ebenfalls lächelnd meinte er: „so gefällst du mir viel besser!“ und strich ihr mit dem Zeigefinger über die Wange.

„Außerdem könnten wir öfter solche Gespräche führen, findest du nicht auch?“ fragte Roxton.
„Ich...ich weis nicht, ob ich so viel darüber erzählen will“ meinte Marguerite vorsichtig und sah in die andere Richtung.
„Hey warum schaust du immer weg? Damit ich nicht sehen kann dass du weinst?“ frage er mit einen traurigen Lächeln. Zärtlich nahm er ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sanft ihren Kopf hoch.
„Das brauchst du nicht.“ Sagte er. „Ist schon ok, ich will dich nicht bedrängen, aber du weist, ja wenn du bereit bist....“
„sind alle meine Geheimnisse sicher bei dir.“ Beendete Marguerite den Satz für ihn. „Aber jetzt hab ich ja keine Geheimnisse mehr vor dir. Und ich möchte auch mit dir darüber sprechen, über meine Vergangenheit und all die Dinge die passiert sind. Aber nicht jetzt. Ich...ich weis nicht aber....“
„Du bist sicher sehr müde.“ las er ihre Gedanken. „Ist schon gut. Heute ist glaube ich auch nicht der richtige Zeitpunkt um alles durchzukauen. Was hältst du davon, ein wenig zu schlafen?“
„Das würde ich sehr gern, aber....“ sie zögerte, weiter zu sprechen. „Was? Was aber?“ frage er sanft.
„Ich weis nicht, ob ich so lange schlafen werde, weist du ich bin mir sicher dass ich schlecht träumen werde.“ Gab sie zu.
„Schon gut. Ich werde hier sein, wenn du einen Albtraum hast, du bist nicht allein. Aber du musst ein wenig schlafen!“ meinte er.

Roxton zog seine Schuhe aus und legte sich auf ihr Bett, wobei er sie mit hinunterzog und in seine starken Arme schloss.
„Gute Nacht mein Engel, schlaf gut!“ flüsterte er ihr zu und gab ihr einen kleinen, zärtlichen Kuss auf den Mund. Fast augenblicklich schlief Marguerite ein, und sie hatte sehr zu ihrer Verwunderung keinen einzigen Alptraum in dieser Nacht.

***

Vier Monate später!

Roxton konnte stolz sein. Er hatte soeben einen mächtig großen Raptor erlegt. Das Fleisch würde eine ganze Weile reichen, und ihre Kammern waren ja schon fast leer!
Fröhlich pfeifend legte er den Saurier vor dem Baumhaus ab und stellte den Strom an, damit keine ungebetenen Gäste zum Mittagessen vorbeischauten und ihm seinen „Fang“ streitig machen konnten. Dann stieg er in den Fahrstuhl und fuhr ganz nach oben.

Was er da erblickte, raubte ihm fast den Atem: Margerite stand da, in ihrer vollen Schönheit, und sortierte die schmutzige Wäsche, umgeben von dem warmen Sonnenlicht, das zum Balkon hereinströmte und den ganzen Raum erhellte. Und sie würde immer bei ihm bleiben. Sie hatten nach dieser unheilvollen Nacht noch viele Gespräche über das Geschehene geführt und sie hatte tatsächlich versprochen, bei ihm zu bleiben!

Marguerite hatte ihn noch nicht bemerkt. Sie stand immer noch da und sortierte die Wäsche. Langsam und vorsichtig schlich er sich an sie heran und legte beide Hände auf ihren, sich bereits sichtbar gewölbten Bauch.
Marguerite erschrak im ersten Moment fürchterlich, doch als sie erkannte, wer sie da umarmte, lächelte sie.
„Na wie geht’s euch denn so?“ frage Roxton grinsend. „Uns könnte es nicht besser gehen“ meinte Marguerite. Sie hatte sich bereits zu ihm herumgedreht und ihre Lippen fanden sich in einem leidenschaftlichen Kuss.

„Na wie wärs?“ fragte Roxton. Marguerite runzelte die Stirn und sah ihn fragend an. „Finn und Veronica sind ins Zangadorf unterwegs und Challenger auf Käferfang. Wir sind ganz allein hier. Das sollten wir ausnutzen!“
„Was jetzt? Aber was ist mit der Wäsche?“ „Die kann warten! Was würdest du jetzt lieber tun, wäsche Waschen, oder mit mir kommen?“ fragte er mit einen schelmischen Lächeln.

Natürlich musste Roxton nicht auf ihre Antwort warten. Er nahm sie hoch und trug sie in das Schlafzimmer, das die beiden nun gemeinsam nutzten und legte sie auf das Bett.

Jetzt hatte Marguerite keine Hemmungen mehr, ihm ihre Gefühle zu zeigen und mit ihm auch darüber zu reden. Als er von der Schwangerschaft gehört hatte, war er ausser sich vor Freude und schon das allein gab Marguerite allen Grund, ihm zu glauben, dass er sie wirklich liebte und das auch so meinte.

Sie beide hatten sozusagen ein neues Leben begonnen, seit dem Vorfall vor vier Monaten. Hier auf diesem Plateau, wo sie sich kennen und lieben gelernt hatten.
Ein Neuanfang über den sich Marguerite als auch Roxton freuten und schon gespannt in die Zukunft blickten, was noch alles kommen mochte.

***

ENDE

Mir persönlich gefällt diese FF total gut. Ich finde, dass lmr1983 Marguerite und Roxton einfach klasse getroffen hat und mit Stil geschrieben hat!

Anhang zu Trapped

„Es ist ein Wunder dass ihr das überlebt habt!“ meinte George Challenger. „Wenn John nicht darauf gekommen wäre, das Gas als Zündstoff für die Explosion her zu nehmen, dann würden wir wohl jetzt nicht beisammen sitzen!“

Die fünf Freunde hatten sich, nachdem sich alle wieder einigermaßen von allem erholt hatten – Marguerite und Roxton von der Explosion und dem Gas und Challenger von dem Schlag auf den Kopf – wieder auf den Heimweg gemacht und saßen nun in gemütlicher Runde am Esstisch im Baumhaus und sprachen über die Geschehnisse des Tages.

„Wir hatten die Hoffnung auch schon aufgegeben. Zum Glück hatte ich diesen Einfall.“ Roxton gähnte herzhaft. „Na ich glaube wir sollten langsam alle ins Bett. Es ist schon sehr spät und ich glaube, Marguerite und Roxton sind auch von diesem Gas so erschöpft dass sie ein wenig Schlaf gebrauchen können.“ Sagte Veronica. „Ich für meinen Teil bin jedenfalls hundemüde!“ „Eine gute Idee Veronica!“ George Challenger stand auf und streckte sich. „Ich könnte ebenfalls eine Mütze Schlaf vertragen.“

Alle Abenteurer gingen nacheinander in ihre Schlafzimmer und Finn löschte als letzte das Licht.

***

Marguerite jedoch konnte beim besten Willen nicht einschlafen. Sie war zwar sehr müde, zum einen weil sie seit fast schon 20 Stunden wach war und zum anderen wegen dem tödlichen Gas, das sie ja in nicht geringen Mengen eingeatmet hatte. Außerdem musste Sie die ganze Zeit daran denken, was alles im Laufe des heutigen Tages zwischen ihr und Lord John Roxton geschehen war. Zuerst der Streit, seine Worte hallten immer noch in ihren Ohren wider. Dann die Versöhnung, sein Liebesgeständnis, als er ihre Hand nahm und sie zärtlich den Hals hinab küsste, und dann....Marguerite wurde ganz warm beim bloßen Gedanken daran, was er noch alles mit ihr getan hatte.

Aber da waren auch noch ganz andere Stimmen in ihrem Kopf. Stimmen die sie warnten, es würde ihr nur wieder so ergehen, wie bei allen anderen Männern. Und seine bösen Worte haben das alles nur noch schlimmer gemacht. Auch wenn er sie nicht so gemeint haben mochte, Marguerite konnte dies nicht ganz glauben. Das war auch noch ein weiterer Grund warum sie nicht einschlafen konnte – vielleicht auch der wichtigste Grund.

Sie wälzte sich noch ein paar Minuten von einer Seite auf die andere und verließ dann ihr Bett und Zimmer um in der Küche noch ein Glas Wasser zu trinken – schlafen konnte sie ja sowieso nicht. Sie versuchte, so leise wie möglich zu sein, was ihr auch gelang. Sie schlich in die Küche und brauchte nicht einmal Licht zu machen, so hell schien der Mond. Als sie ihr Glas Wasser getrunken hatte, entschied sie sich, noch ein wenig in die Mondnacht hinauszublicken und ging zum Balkon.

Ganz in Gedanken versunken bemerkte sie nicht, wie sich ihr jemand näherte und erschrak fürchterlich als dieser jemand sagte: „Was tust du denn hier noch, Marguerite?“ „John! Du hast mich zu Tode erschreckt!“ „Das ist keine Antwort auf meine Frage!“ „Ich kann nicht schlafen.“ Marguerite sah mittlerweile ein, dass es keinen Zweck hatte, ihm etwas vorzumachen.

„Du bist nicht müde? Nach diesem Tag und nach all dem Gas was du eingeatmet hast? Wieso?“ Roxton nahm ihr das nicht ab. „Ich sagte ja auch nicht dass ich nicht müde bin, sondern dass ich nicht schlafen kann.“ Gab Marguerite zurück. „Ach und warum nicht?“ Roxton ließ nicht locker. Seufzend antwortete Marguerite: „Ich hab nachgedacht...“. „Über...uns?“ frage Roxton hoffnungsvoll.

„Ich...äh...“ begann Marguerite. „Bereust du was heute zwischen uns passiert ist?“ fragte Roxton traurig. „Nein, oh nein John das ganz bestimmt nicht!“ sagte Marguerite schnell als sie Roxtons verletzten Blick sah. „Wie könnte ich denn nur.“ „Was ist es dann? Oh, nein. Du denkst immer noch an das was ich zu dir gesagt habe. Marguerite ich dache ich wäre nicht in der Lage uns da rauszuholen! Wenn Challenger dabei gewesen wäre hätte ich ihn wahrscheinlich als alten Tattergreis beschimpft der nichts besseres zu tun hat als den ganzen Tag im Labor rumzusitzen.“

Damit konnte er aber Marguerite keinesfalls überzeugen. Sie versuchte zwar, so zu schauen, als fände sie es lustig was er gerade gesagt hatte, aber das ging gründlich daneben. „Es tut mir leid, Marguerite“ sagte Roxton mit einem Seufzer. „Ich weis auch nicht was in mich gefahren ist und wahrscheinlich wirst du mir das ein Leben lag übel nehmen, aber bitte glaube mir, als ich gesagt habe dass ich dich über alles liebe, habe ich die Wahrheit gesagt.“

„Ja ich weis. Aber überleg mal wenn wir wieder zurück sind in London...was wird dann passieren?“ Marguerite sah weg. Sie wollte nicht dass er ihre Tränen sah. Zärtlich berührte er mit Daumen und Zeigefinger ihr Kinn und drehte ihren Kopf ganz zärtlich nach oben, dass sie ihn ansehen musste. „Marguerite ich liebe dich.“ Sagte er noch einmal mit Nachdruck. „Wenn wir zurück in London sind werde ich dich bitten mit mir zu kommen. Wenn du das nicht willst kann ich nichts machen, zwingen werde ich dich auf keinen Fall. Aber ich kann ohne dich nicht mehr leben. Es würde mir das Herz brechen, wenn du ablehnen würdest. Ich kann mir vorstellen, dass du früher jemandem begegnet bist, der dir sehr weh getan hat. Wenn du mal darüber sprechen möchtest weist du kannst du immer mit mir reden. Aber bitte denke nicht von mir dass ich dir auch irgendwann einmal weh tun könnte, weder körperlich noch seelisch. Ich liebe dich! Bitte glaub mir“

Die letzten Worte waren mehr ein Flüstern, und als er sie ausgesprochen hatte berührten seine Lippen ganz leicht die ihren, genau wie er es an dem selben Tag schon in der Höhle getan hatte. Jetzt war es ganz um Marguerite geschehen. Sie schluchzte: „Ich glaube dir und ich liebe dich!“ Sie ließ es zu als er sie in die Arme nahm und zärtlich ihren Rücken rauf und runter streichelte. Als sie nach einer Weile aufgehört hatte zu weinen, sah Marguerite ihn an und fragte „John?“ „Ja?“ fragte er verblüfft. „Warum bist du eigentlich noch wach? Du hast ja auch nicht gerade wenig von dem Gas eingeatmet!“ „Nun ja ehrlich gesagt, ich konnte auch nicht schlafen, genau wie du!“ grinste er. „Aber jetzt werde ich glaub ich doch ein wenig müde. Was meinst du? Magst du die Nacht lieber alleine verbringen oder mit mir?“ fragte er mit einem Grinsen im Gesicht. „Was? Naja...ähm...eigentlich...“ Marguerite fand nicht die richtigen Worte. „Eigentlich dachte ich eher daran dass ich dich in den Arm nehme und wir eng aneinander gekuschelt einschlafen.“ meinte Roxton. „Für diese eine Sache fühle ich mich im Moment etwas erschöpft!“ „Aneinander kuscheln sagtest du? Das klingt nicht schlecht. Ich glaube damit kann ich leben.“

Im nächsten Moment fand sich Marguerite auf Roxtons Armen wieder, und er fragte mit einem Lächeln: „Welches Zimmer soll es denn sein, Milady? deins oder meins?“ „Meins!“ entschied Marguerite. „Es ist grösser und hat die bessere Aussicht.“ „Wie ihr befiehlt, eure Hoheit!“ meinte Roxton darauf und trug sie in ihr Zimmer, wo er sie auf ihr Bett lag. Er zog seine Schuhe aus, legte sich ebenfalls zu ihr und nahm sie in den Arm. Beide schliefen sofort ein und als Marguerite am nächsten Morgen in Roxtons Armen aufwachte, lächelte sie. Sie hatte seit Jahren mal wieder eine Nacht lang durchgeschlafen.


ENDE

Ist voll eine süsse FF und lohnt sich zu lesen!

Wieder nach Hause?

"William! Wo bist du??? Willy komm raus oder es setzt was!" Veronica war mit ihren Nerven am Ende. "Dieser Bengel! Wo steckt der nur? William! Du hast ihn auch nirgendwo gesehen mein Schatz oder?" Die kleine Catherine, die auf dem Fußboden saß, sah Veronica aus großen unschuldigen Augen an.

Veronica seufzte. Wo konnte der Schlingel nur stecken? Sie passte ja liebend gerne auf die Zwillinge von Roxton und Marguerite auf, aber die mittlerweile bald ein Jahr alten Kinder waren richtige Schlingel geworden, vor allem jetzt, wo sie bereits krabbeln konnten. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee gewesen, sie so zu verhätscheln...

Challenger bastelte an einer neuen Erfindung und mochte nicht gestört werden. Finn war Wäsche waschen und Malone war auf die Jagt gegangen.
Und Marguerite und Roxton? Ja die hatten heute ihren freien Tag und waren schwimmen, oder picknicken oder sonst was. Einmal die Woche gingen die beiden für einen Tag aus um sich ein wenig zu erholen. Dann passten die anderen Bewohner auf die Zwillinge auf.

"William!" Veronica konnte es nicht fassen! Da saß der kleine Willy vor der Dose mit Süßigkeiten und lutschte genüsslich an einem Stück Vollmilchschokolade!
"Das ist doch noch gar nichts für dich!" sagte Veronica und nahm dem Kind das halb aufgelutschte Rippchen Schokolade aus der Hand. "Auf zwei Kinder gleichzeitig aufzupassen ist echt Schwerstarbeit! So und jetzt komm wieder mit zu deiner Schwester!"

Catherine sah auf als sie Veronica mit ihrem Bruder im Arm kommen sah und lächelte schelmisch. Sie sah Marguerite aus dem Gesicht geschnitten aus mit ihren dunklen, fast schwarzen Locken und grau- blauen Augen. Und verhielt sich auch oft wie sie. William war dagegen ein Ebenbild seines Vaters. Er hatte dunkelbraune Haare und braune Augen und war immer voller Tatendrang und wollte Abenteuer erleben.

"Na Süße ich hab langsam den Verdacht dass du genau wusstest wo dein Bruder steckt!" sagte Veronica wissend zu der kleinen Catherine. Hoffentlich kommt Finn oder Malone bald wieder zurück, wenn ich jetzt nämlich in die Küche gehe um zu kochen, dann büchst mir doch noch jemand von euch beiden aus!"
Also setzte sich Veronica mit auf den Boden und baute mit an den Türmchen aus den Bauklötzen, mit denen bereits sie als kleines Kind gespielt hatte.

***

"Oh John sosehr ich unsere Kinder auch liebe – aber Tage wie diesen hier mag ich fast noch mehr. Die Ruhe, keiner stört uns, einfach phantastisch!"

Marguerite schloss die Augen, legte die Schulter ihres Liebsten und ließ sich von mit Trauben füttern. Eine Traube nach der anderen verschwand in ihrem Mund und als alle Trauben gegessen waren, nahmen Johns Lippen den Platz der Trauben ein.

Der freie Tag einmal die Woche verlief fast immer gleich. Sie gingen frühmorgens los, wenn alle noch schliefen, mit einem Picknickkorb mit allerlei Köstlichkeiten darin. Dann suchten sie sich ein stilles romantisches Plätzchen, meistens am See oder am Fluss, aßen, unterhielten sich, flirteten, gingen schwimmen und nicht selten endeten sie auf der Picknickdecke, die zwar kein richtiges Bett war, aber trotzdem sehr bequem.

So war das ganze auch heute. Alles verlief friedlich und keine Saurier oder Affenmenschen weit und breit. Es war kurz nach Mittag und der breite Busch, unter dem die beiden ihr Picknick aufgeschlagen hatten, spendete angenehme Kühle an diesem heißen Tag.

Als John seine Lippen wieder von Marguerites gelöst hatte, lächelte er sie an: "mein Schatz ich könnte ewig hier so mit dir liegen bleiben!" und dann küsste er sie gleich noch einmal.

Beide schreckten hoch als sie einen Schrei und darauf einen Schuss hörten. Roxton schnappte sich sein Gewehr und Marguerite ihre Pistole und sie liefen in die Richtung aus welcher der Schuss kam.

Als sie an der Unglücksstelle ankamen, sahen sie einen toten Raptor dort liegen und einen schwer verwundeten Mann. "Oh mein Gott" sagte Marguerite "war das etwa das Vieh da?" und beugte sich über den Mann, der vor Schmerzen aufstöhnte. "Nicht bewegen das macht es alles nur viel schlimmer. Bleiben Sie ganz ruhig!"
"Nein Miss Krux" brachte der Mann hervor "ich werde sowieso sterben! Ich sollte sie holen aber.. ah....der Dinosaurier war mir zuvorgekommen. Gott sei Dank...ah....sind sie gekommen!"

"Sie sind gekommen um uns zu holen?" fragte Marguerite ungläubig. "Wie kamen Sie hierher?"

"Der Tunnel.. ich habe Aufzeichnungen.. der Plan...ist...in meiner Tasche!" dann schloß er die Augen.

Marguerite fühlte seinen Puls. "Er ist tot John!" sagte sie entsetzt. "Wir werden ihn begraben aber schau mal hier!" rief Roxton und schwang eine Skizze in seiner rechten Hand. "Da ist der Tunnel aufgezeichnet den er gerade erwähnt hat. Nur dumm dass der auf der anderen Seite des Plateaus liegt! Der Kerl muss das halbe Plateau nach uns abgesucht haben! Und das nach fünf Jahren! Dass sie uns da noch suchen!" meinte er ungläubig.

"Wir sollten unser kleine Picknick für heute beenden und wieder zum Baumhaus zurückkehren was meinst du?" meinte Marguerite. "Sicher aber erst sollten wir diesen...warte mal da steht er hieß Ron Goldman. Den sollten wir erst begraben und dann schnell machen dass wir weg kommen. Ich mag nämlich die Gesellschaft von toten Raptoren nicht besonders."

Also machten sie sich daran, Ron Goldman zu begraben und gingen dann zu dem Platz zurück an dem sie ihr Picknick abgehalten hatten. Als sie dort alles zusammengepackt hatten, machten sie sich auf den Weg zurück zum Baumhaus.

***

"Ui das ist aber ein schöner Turm ihr beiden" staunte Finn als sie vom Wäsche waschen wieder zurückkam. Auch Malone war bereits wieder da und hatte Veronica abgelöst. "Wer hat denn den gebaut?" wollte Finn wissen.

"Das war Teamwork nicht wahr" meinte Malone. "in den beiden steckt ein Talent für moderne Architektur. Du wirst sehen, sie werden beide mal groß raus kommen! Huch, was ist das?"

Der Fahrstuhl wurde betätigt. Finn und Malone sahen sich fragend an und auch Veronica kam bereits aus der Küche mit einem fragenden Blick.
"Das werden doch nicht schon Roxton und Marguerite sein? Das ist doch gar nicht ihre Art!"

Aber sie waren es doch! Als der Fahrstuhl oben angekommen war, lachten die Zwillinge laut los und krabbelten um die Wette zu ihren Eltern hin. "Ja, wer kommt denn da?" Roxton hob seine Tochter in die Höhe und wirbelte sie herum. Das gleiche tat Marguerite mit William. "Ja Mama und Daddy sind wieder da!"

"Ja was macht ihr denn schon hier?" George Challenger "hat euch das Picknick nicht gefallen?"
"Ratet mal was wir gefunden haben" grinste Marguerite verschwörerisch. Alle anderen waren natürlich ratlos und zuckten nur mit den Schultern. Roxton setzte die kleine Catherine auf dem Tisch ab und holte die Skizze aus der Tasche des verunglückten Mannes, die sie mit genommen hatten. "Wir kommen nach Hause! Das ist eine Skizze mit einem Tunnel der nach draußen führt! Aber wir erzählen euch alles am besten beim Abendessen!"

Alle Expeditionsteilnehmer waren begeistert und konnten es kaum fassen dass noch nach so langer Zeit nach ihnen gesucht wurde. Am nächsten Tag wollten sie aufbrechen und sich den mysteriösen Tunnel einmal genauer ansehen.
Sie saßen nach dem Abendessen noch lange zusammen und phantasierten was alles passiert sein konnte in ihrer Abwesenheit und was sie alles vorhatten.

Nur eine Person konnte sich nicht so recht freuen. Für Veronica kam der Tag immer näher, an dem sie Lebewohl zu ihren Freunden sagen musste.

***

"Verdammt Marguerite das können wir doch nie alles auf einmal tragen! Außerdem hab ich dir schon tausend mal gesagt dass wir zu Hause soviel Geld haben werden, dass du das hier gar nicht mehr brauchen wirst!"
Lord Roxton regte sich furchtbar auf. Sie waren heute Vormittag ins Baumhaus zurückgekehrt und hatten den anderen die guten Neuigkeiten mitgeteilt. Nun packten alle ihre Sachen damit sie morgen früh gleich aufbrechen konnten.
Und schon gab es die ersten Schwierigkeiten. Marguerite bestand darauf, den Schatz der Piraten, den sie vor langer Zeit versteckt hatte, komplett mitzunehmen, die ganze Truhe! Dabei war er wohlhabend genug, ihr soviel Schmuck zu kaufen, wie sie wollte.

"Zum Teufel Roxton!" polterte Marguerite. "Das ist mein Schatz und ich werde ihn auch behalten!" "DEIN Schatz? Ha! Dass ich nicht lache! Du weist doch wohl noch dass wir ihn beide gemeinsam gefunden haben oder?" "Oh komm schon ich...."

"Mama?" kam es von der Tür. Dort stand die kleine Catherine und sah ihre Eltern ängstlich an. Sie hatte sie noch nie streiten gehört.
Marguerite und Roxton die Kinnladen herunter: Sie STAND da!!!
"Hey mein Schatz komm zu Daddy!" rief Roxton, kniete sich hin und streckte die Arme nach ihr aus. Sofort war der ängstliche Ausdruck auf Catherines Gesicht verschwunden und sie setzte, langsam und vorsichtig, einen Fuß vor den anderen.
Die drei Meter bis zu ihrem Vater schaffte sie gerade noch so und als sie bei ihm ankam, ließ sie sich lachend in seine Arme fallen.

Ebenfalls lachend schwang Roxton die Kleine in der Luft herum, die dabei fröhlich quietschte. "Meine kleine Prinzessin kann jetzt laufen! Kann das dein Bruder denn auch schon?" fragte er das Mädchen.
Da kam von der Tür her ein weiteres Lachen – das eindeutig William gehörte. Und er stand auch da, hielt sich aber am Türrahmen fest. "Na los mein Sohn" meine Roxton. "Jetzt bist du dran" und ging wieder in die Hocke, nachdem er seine Tochter auf dem Tisch abgesetzt hatte.
William – mutig wie immer – lief munter drauf los, jedoch etwas schneller und unkonzentrierter als seine – zwanzig Minuten jüngere – Schwester. Das konnte nicht gut gehen und so verlor er auf halbem Weg das Gleichgewicht, fiel hin und begann zu weinen. Marguerite und Roxton liefen zu ihm hin und trösteten ihn. "Das wird schon, du musst dir nur Zeit dazu lassen" sagte Roxton zu seinem Sohn und strich ihm über das braune Haar. Dann nahm er ihn hoch und setzte ihn neben seine Schwester auf den Tisch.

"Es tut mir leid John" meinte Marguerite und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Ich bin echt zu dumm. Ich habe gedacht ich bin drüber hinweg aber wie es scheint doch noch nicht so wirklich. Ich werde den Schatz wieder verstecken ok?"
"Es freut mich dass du so einsichtig bist aber WIR werden den Schatz verstecken ja?" meinte er. "Also gut. WIR verstecken den Schatz. Aber lass uns nicht mehr streiten ja? Vor allem nicht vor den beiden da" sagte Marguerite und deutete auf die beiden Zwillinge die auf dem Tisch saßen und gespannt dem Gespräch zwischen ihren Eltern lauschten.
"Nein du hast recht. Das ist nicht gut. Weist du was?" fragte Roxton. "Nein was denn?" "Ich liebe dich" er lächelte und küsste sie auf den Mund.
Als sie sich wieder lösten sahen sie wie William und Catherine sie beide verschmitzt angrinsten. Die kleine Catherine hatte bereits ihren halben Pullover voll gesabbert.
"Na ich glaube jetzt seid ihr wieder zufrieden was?" stellte Marguerite fest und wischte ihrer Tochter mit einem Tuch den Sabber aus dem Gesicht.

"Roxton, Marguerite! Essen ist fertig!" Finn kam ins Zimmer. "Hey da seid ihr kleinen Ausreißer ja! Ich hab euch schon überall gesucht! Na das wird ja immer schlimmer. Man kann die zwei schon jetzt nicht zwei Sekunden aus den Augen lassen ohne dass sie abhauen! Wie wird das erst wenn sie laufen können!" meinte Finn zu Marguerite und Roxton.
"Meine Liebe diese Zeit ist bereits angebrochen. Die beiden haben uns nämlich gerade ihre ersten Gehkünste präsentiert!" grinste Roxton.
"Ui das sieht nach jeder Menge Arbeit aus! Naja aber kommt jetzt mit, das Essen wird sonst kalt!"

Beim Mittagessen war das Hauptgesprächsthema natürlich der bevorstehende Aufbruch und die vielleicht baldige Heimkehr, aber danach widmeten sich alle den beiden Zwillingen, die sich fleißig im laufen übten. Natürlich waren sie noch etwas wackelig auf den Beinen, aber je öfter sie es versuchten, desto besser klappte es.

Am Abend waren dann alle Utensilien gepackt und die Bewohner des Baumhauses legten sich zum letzten Mal in ihre Betten in der verlorenen Welt.

***

Beim letzten gemeinsamen Frühstück auf dem Plateau sprachen die sechs Freunde nicht sehr viel. Auch als sie aufbrachen und den Fahrstuhl – nachdem sie hinuntergefahren waren – wieder hinauffahren ließen, um ungebetenen Gästen den Zutritt zum Baumhaus zu verweigern, sprachen sie kein Wort.
Dann machten sie sich auf den Weg zu dem besagten Tunnel. Während sie liefen – Catherine und William wurden abwechselnd von den Abenteurern getragen – sprachen sie auch kaum etwas.

Am Tunnel angekommen drehten sich die Freunde noch einmal um, um ein letztes Mal das Plateau zu betrachten, und genau in diesem Moment ertönte das laute Gebrüll eines T-Rex.
"Ich weis es hört sich komisch an aber ich glaube ich werde das Gebrüll von den Dinosauriern ganz schön vermissen. In England zur Jagt zu gehen ist echt langweilig gegen das hier" sagte Roxton. "Schön gesagt John aber ich glaube wir sollten jetzt doch lieber in den Tunnel rein gehen, bevor der T-Rex kommt und uns so kurz vor dem Ziel noch zum Mittagessen frisst!" drängte Malone.

Also gingen alle, nachdem Fackeln angezündet worden waren, in den Tunnel und fanden den kleinen Flusslauf auch sofort wieder. Diesmal gingen sie allerdings weiter und kehrten nicht wieder um.
Die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt – war das wirklich der Weg nach draußen? Oder nur wieder irgend so eine Falle? War Ron Goldman wirklich gesandt worden um sie zu suchen? Oder war eine Verschwörung im Gange?

Aber alles wandte sich zum Guten, denn nach einem längeren Marsch erblickten sie plötzlich schwach aber unverkennbar Tageslicht. Und je weiter sie gingen desto näher kam dieses Licht. Und auf einmal standen sie an einem Ausgang – auf der anderen Seite der Berge.
"Aha hier siehts zwar so aus wie drinnen aber ich seh mal keinen Dinosaurier" stellte Finn fest. "Hoffentlich bleibt das auch so."
"Hm. Ich kann mir nicht helfen aber irgendwoher kenne ich diesen Ort" meinte Malone. "Ja natürlich kennst du den" rief Challenger erfreut. "Hier sind wir vor ziemlich genau fünf Jahren mit unserem Ballon gestartet um aufs Plateau zu kommen! Erinnert ihr euch? Hier hat uns dieser Eingeborenenstamm angegriffen! Ja wir sind tatsächlich runter vom Plateau!"

Die Freunde konnten es noch immer nicht fassen: sie waren tatsächlich draußen und konnten den Heimweg antreten! Der lange Traum hatte sich also nun tatsächlich erfüllt!

***

Die Heimreise stellte sich als schwieriger heraus als sie es sich vorgestellt hatten. Hier lauerten zwar keine Dinosaurier und auch sonst war kein Kanibalenstamm zu sehen, aber sie mussten dieses Mal an dem Fluss entlang laufen, auf dem sie vor fünf Jahren hergekommen waren, denn sie hatten ja kein Boot.
Nach zwei Tagen kamen die Abenteurer an einem Eingeborenenstamm vorbei, der aber friedlich war, und ihnen sogar drei Boote zur Verfügung stellte. Damit war ihr Fortkommen leichter und sie erreichten nach weiteren zwei Tagen das Meer...und eine mittel große Hafenstadt!

"Na endlich das wurde ja auch Zeit!" rief Finn. "Ich dachte schon wir würden nie wieder auf eine Menschenseele stoßen! Wie habt ihr nur den Weg zum Plateau hin gefunden?"
"Damals haben uns ein paar Eingeborene geführt" sagte Challenger, der mit ihr im Boot saß. "Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Hauptsache wir sind wieder unter Menschen."
"Ja genau" meldete sich Marguerite zu Wort. "Ich könnte auch mal ein paar neue Klamotten vertragen, und die Kleinen erst recht!"

Als sie mit ihren Booten im Hafen angelegt hatten und mit ihrem spärlichen Gepäck ausgestiegen waren, tauschten sie bei einem Juwelier – zum Ärger Marguerites – ein paar Juwelen ein, die sie auf dem Plateau einmal gefunden hatten. Damit hatten sie nun wieder Bargeld von dem sie sich Klamotten, ein Zimmer in einem Hotel und natürlich ein Fahrticket für die Überfahrt kaufen konnten.

"Sie haben Glück meine Herrschaften!" sagte der Kartenverkäufer der glücklicherweise englisch sprach. "Es fährt nur einmal im Monat ein Schiff über den Atlantik, aber morgen früh um 10:00 Uhr ist es wieder soweit! Und es gibt sogar noch Karten! Ich kann Ihnen allerdings nur noch Kabinen mit Doppelbetten anbieten, die Einzelkabinen sind alle ausverkauft!"
"Na George dann hoffe ich ja bloß dass du nicht so laut schnarchst!" meinte Finn wissend, da ja Marguerite und Roxton und auch Malone und Veronica jeweils ein Doppelzimmer nehmen würden. Die Zwillinge würden natürlich bei ihren Eltern im Zimmer schlafen.

Als nächstes gingen sie zu einem Schneider und die Männer ließen sich Anzüge und die Damen Kleider nach der neuesten Mode anfertigen. Die beiden Kleinen gingen natürlich auch nicht leer aus.
"Gar nicht mal so schlecht, diese neue Mode" fand Marguerite. "Ein wenig gewöhnungsbedürftig zwar, aber echt schick!"
"Ja du hast leicht reden!" sagte Veronica. "Finn und ich haben noch viel mehr Schwierigkeiten uns daran zu gewöhnen, nachdem was wir bisher immer getragen haben!"

Auch ein passendes Hotel war schnell gefunden, und auch dort gab es noch freie Zimmer.
Auf dem Weg zum Abendessen meinte Roxton zu Marguerite: "hier nimm bitte William auch noch, geht das?" "Ja aber warum denn? Wo willst du hin?" fragte diese. "Ich muss noch schnell was erledigen. Ich komme gleich nach keine Angst" beruhigte er sie und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange. Marguerite sah ihm verdutzt nach. `Was hat er nun schon wieder vor?´ fragte sie sich, ging aber mit ihren beiden Kindern wie verabredet ins Restaurant.

Roxton hingegen fragte an der Rezeption nach einem Telefon. Er ließ ein Ferngespräch anmelden. Das Telefon war abseits der Hotelhalle und ein wenig abgeschirmt. Er hob ab und wählte eine ihm immer noch vertraute Nummer. Nach sechs mal Läuten hob jemand ab.
"Guten Tag Sie sind verbunden mit der Lordschaft Roxton was kann ich für Sie tun?" fragte eine vertraute Stimme.
"Ich möchte gerne Lady Caroline Roxton sprechen" sprach Roxton in die Muschel. "Es ist dringend" "Einen Moment bitte!"
Larry, der Butler, ging fort und kurze Zeit später kam eine Frau ans Telefon. "Ja bitte?"
"Hallo Mutter" sagte Roxton. Er konnte seine Freudentränen fast nicht zurückhalten, als er ihre vertraute Stimme hörte. "Es ist zwar schon ewig her aber ich hoffe du kennst mich noch!"
"John!" sein Name wurde am anderen Ende der Leitung ins Telefon gerufen. "Das kann doch gar nicht sein! Bist du es wirklich? Wo hast du gesteckt? Fünf Jahre haben wir nichts mehr von dir gehört. Geht es dir gut? Wo bist du jetzt?"
"Wow das sind ganz schön viele Fragen auf einmal Mutter. Ja, ich bin es wirklich. Wir haben das Plateau gefunden und bis vor kurzem nur keinen Ausweg gefunden. Mir geht es prima. Und wir – die Expeditionsteilnehmer – wir sind jetzt noch in Südamerika aber nehmen morgen früh das Schiff nach England! Ich schätze mal in ca. einer Woche werde ich wieder bei dir vor der Tür stehen – das heißt falls du mich noch reinlässt!"
Er musste grinsen – typisch Mutter – immer machte sie ein riesen Trara um alles.
"Wieso sollte ich nicht! Ich dachte du wärst tot! Das Haus war so einsam ohne dich, und Larry ist ja auch nicht gerade der gesprächigste wie du weißt!" seine Mutter war überglücklich.
"Schön das zu hören" sagte Roxton. "Na ich werde dann mal auflegen, die anderen erwarten mich beim Abendessen. Ach ja und Mutter....ich habe auch noch eine riesengroße Überraschung für dich wenn ich nach Hause komme!"
"Eine Überraschung? Was ist es? Du weißt ich bin doch so furchtbar neugierig!"
"Oh nein, das werde ich dir jetzt nicht sagen! Lass dich einfach überraschen! Ich hab dich lieb Mutter!" "Ich dich auch mein Sohn" sagte Catherine sanft in die Sprechmuschel. "Pass auf dich auf und komm gut nach Hause. Und auf deine `Überraschung` bin ich auch mal gespannt. Hast du mir vielleicht wieder irgendwo ein Collier gekauft? Du weist doch ich habe schon hunderttausend Ketten in meinem Schmuckkasten!"
"Nein Mutter da liegst du komplett falsch! Aber mehr verrate ich dir jetzt nicht! Bis dann machs gut und grüß Larry noch mal von mir! Ich glaube nicht, dass er mich vorher erkannt hat."

Und somit hängte er ein. "Na hoffentlich wird deine Mutter nicht enttäuscht darüber sein, mich und die Kinder zu sehen!"
Roxton erschrak fürchterlich. "Marguerite! Du solltest doch zu den anderen..." "Da war ich auch" unterbrach sie ihn. "Aber lange lässt sich der Kellner nicht mehr hinhalten! Wir müssen jetzt bestellen!"
"Natürlich Milady" sagte Roxton und hielt ihr den Arm hin damit sie sich unterhaken konnte. "Zu deiner einen Frage: sie wird verrückt sein vor Freude! Meine Mutter hasst die Einsamkeit und zur Zeit leben nur sie und unser Butler sowie zwei Zimmermädchen auf dem Anwesen. Und Larry spricht gerade mal fünf Sätze am Tag und die Zimmermädchen unterhalten sich lieber untereinander. Wo sitzen wir?"

***

Das ausgiebige Abendessen im hoteleigenen Restaurant schmeckte allen hervorragend.
"Ich hätte nie gedacht dass ich das noch einmal erleben würde" meinte Roxton. "Etwas zu essen ohne es vorher erlegen zu müssen. Einfach phantastisch."
"Ja du hast recht" stimmte Malone zu. "Aber ich glaube ich werde das Dinosaurierfleisch ganz schön vermissen. Mir zumindest hat es immer sehr gut geschmeckt."
Sie unterhielten sich noch lange nach dem Essen bei ein paar Gläsern Wein und viel Cognac. Roxton gönnte sich sogar nach langer Zeit wieder eine Zigarre.
Um 23:00 Uhr gingen dann alle auf ihre Zimmer um für den morgigen Tag ausgeschlafen zu sein.

***

Auf ihrem gemeinsamen Zimmer angekommen, betrachteten Marguerite und Roxton ihre friedlich schlafenden Kinder, die sie bereits früher am Abend schlafen gelegt hatten.
"Sie sehen so glücklich aus John, ich könnte sie ewig einfach nur ansehen!" sagte Marguerite glücklich.
"Ja warum sollten sie auch nicht glücklich sein" fragte er. "Sie habe die hübscheste und klügste Mutter aller Zeiten!" Er lächelte, schlang seine Arme um ihre Taille und küsste sie zärtlich.
"Du machst mich noch ganz verlegen, weist du das?" Marguerite wurde bereits ein wenig rot. "Aber es stimmt doch" gab er zurück. "Ich liebe dich Marguerite" "Ich liebe dich auch John!"

Nach einem weiteren Kuss unterbrach John ihre Umarmung und ging einen Schritt zurück, um ihre Hände zu nehmen und ihr tief in die wunderschönen Augen zu sehen.
"Du weist meine Mutter wird es nicht dulden dass wir unverheiratet in ihrem Haus leben" begann er mit einem leichten Grinsen. "Ich weis wir haben schon viele Gespräche darüber geführt und du hast gesagt dass du mit mir kommst aber ich möchte es jetzt gerne fest machen" fügte er noch ernst hinzu.

Marguerites Augen wurden immer größer, aber nicht vor Angst, sondern vor freudiger Erwartung. Dann kniete sich Roxton vor sie.
"Ich weis es ist nicht der romantischste Ort auf der Welt aber ich möchte dich hiermit trotzdem fragen ob du mich heiraten möchtest!"

Er sah sie gebannt an. Marguerite liefen bereits die ersten Tränen aus den Augen. Sie kniete sich ebenfalls auf den Boden und strich sanft mit ihren Händen über seine Wangen.
"Das ist der bewegendste Heiratsantrag den ich je gekriegt habe! Natürlich will ich!" rief sie und küsste ihn stürmisch. "Shhhhh!! Du weckst noch die Kleinen! Wir müssen ein wenig leiser sein!" flüsterte John.
Dann zog er seinen Ring, der immer seinen kleinen Finger geschmückt hatte aus und streifte ihn ihr über den Ringfinger.
"Oh John das ist doch dein..." fing Marguerite an. "Ich habe im Moment nichts anderes" meinte er entschuldigend. "Aber ich finde er steht dir wirklich ausgezeichnet!"
Dann fing er an, Marguerites zarte Haut an ihrem Hals zu verwöhnen, und er ging weiter und weiter bis sie schließlich beide nackt auf dem Bett lagen und sich verliebt ansahen.

Sie liebten sich lange Zeit, langsam und leise, damit sie Catherine und William nicht aufweckten. Und am nächsten Morgen war dann der Zeitpunkt endlich gekommen, um zurück nach Hause zu fahren!

***

Die Fahrgäste drängelten sich auf dem Kai vor der "Victoria", dem großen Dampfschiff, das in etwa 6 Tagen Liverpool erreichen sollte und dann waren es nur noch wenige Stunden mit der Eisenbahn nach London. Endlich wieder nach London!
George, John und Marguerite freuten sich unheimlich darauf wieder in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Malone, der ja eigentlich in New York lebte, wollte mit Veronica erst mal eine zeitlang in London bleiben, und später vielleicht wieder zurück in seine Heimatstadt gehen. Ja und Finn und Veronica konnten es auch kaum erwarten, bis sie endlich London einmal in echt sahen. Beide Frauen waren sehr aufgeregt.

Als alle Passagiere schließlich an Bord waren und ihre Kabinen bezogen hatten, setzten sich die Turbinen des riesigen Schiffes und somit auch das ganze Schiff langsam in Bewegung und lief aus dem Hafen ins offene Meer hinaus.

"Ich weis gar nicht mehr wann ich das letzte Mal das Meer gesehen habe!" sagte Marguerite träumerisch. "Es ist eine Ewigkeit her!"
Auch alle anderen genossen die salzige, erfrischende Brise, die ihnen um die Ohren wehte, und die immer intensiver wurde, je weiter sie sich von der Küste entfernten.
"Schaut mal hier kann man sich toll hinlegen und den Himmel beobachten!" rief Finn, die sich bereits auf eine der Liegen gelegt hatte, die überall auf dem Sonnendeck herumstanden. Seufzend schloss sie die Augen und genoss den schönen Tag.
"Ich würde mich nicht so lange in die Sonne legen Finn" riet ihr George. "Das kann einen bösen Sonnenbrand geben. Der Wind lässt einen meinen, die Sonne wäre nicht so stark, aber täusch dich da nicht, mein Kind!"

"Ja ja George alles wird gut!" Finn mochte Challenger sehr gerne, und er hatte ihr auch sein Gästezimmer bei ihm zu Hause angeboten, wo sie eine Weile unterkommen konnte.
`Vielleicht` dachte sich Finn oft `möchte er einfach wie mein Vater sein. Er hat ja selber keine Kinder!`

***

Das Schiff schaffte die Strecke bis nach Liverpool schon in fünf Tagen, da die befürchteten Seestürme, die um diese Jahreszeit häufiger auftraten und in die Fahrtzeit mit einkalkuliert wurden, sich Gott sei Dank nicht ereigneten.
Und auch in Liverpool war das Glück auf der Seite der sechs Freunde. Gleich drei Stunden nach Ankunft des Dampfers ging ein Zug nach London und auch hier gab es noch genug Karten!

Die Fahrt nach London verlief ruhig und voller Vorfreude auf die Heimat.
Aber an einer Frage kam Roxton einfach nicht vorbei: "Sag mal George, was wirst du eigentlich deinen Freunden vom Wissenschaftsclub über das Plateau sagen? Wirst du ihnen den Höhleneingang verraten?"
George sah ihn an. "Ich glaube ich werde sagen dass wir es gar nicht gefunden hätten und fünf Jahre orientierungslos im Jungel umhergelaufen sind. Beweise habe ich ja keine, die haben wir ja vergessen! Also würden sie mir sowieso nicht glauben. Aber ich finde auch dass das Plateau weiterhin geheim gehalten werden sollte! Und ich bitte auch euch das gleiche zu erzählen, abgesehen von Familienmitgliedern versteht sich."
Alle nickten zustimmend und Veronica lächelte ihm dankbar zu.

Am Londoner Bahnhof verabschiedeten sich die Abenteurer – aber nur vorerst. Roxton hatte alle für den kommenden Samstag zum Dinner auf sein Anwesen eingeladen. Challengers Frau natürlich auch. In drei Tagen würden sie sich schon wieder sehen! Deshalb fiel der Abschied nicht allzu schwer, auch von den Zwillingen nicht, die natürlich alle mittlerweile in ihr Herz geschlossen hatten.

George konnte mit Finn zusammen zu seiner Wohnung zu Fuß gehen, die nicht allzu weit entfernt vom Bahnhof lag. Veronica und Malone gingen mit ihnen, da es in der Nähe ein schönes Hotel gab wo sie vorerst unterkommen wollten.

Und Marguerite und John nahmen sich ein Taxi und verließen die Innenstadt um zum Anwesen der Roxtons zu gelangen, das außerhalb Londons lag.
Die ganze Fahrt über lachten sie und freuten sich auf zu Hause. Catherine saß auf dem Schoß ihrer Mutter und John hielt den kleinen William. Er konnte es immer noch nicht so richtig begreifen, was geschah, als sie die Einfahrt zu seinem Haus hochfuhren.

Als sie ausgestiegen waren und das Geld für das Taxi bezahlt hatten, klingelte Roxton an der Tür. Von drinnen drang eine Stimme an sein Ohr.
"Ich mach schon auf Larry, du kannst weiter Staub wischen!"

Dann wurde die Tür geöffnet und eine schlanke, gutaussehende Frau Mitte 60 mit langen, lockigen braunen Haaren und Lachfältchen um die Augen sah John fassungslos an. Dann schien sie ihren Sohn erkannt zu haben und fiel ihm stürmisch um den Hals.
"Oh mein Gott John!" rief sie unter Tränen. "Lass dich ansehen! Du hast dich ja verändert! Und das gar nicht mal zum Schlechten!" und gleich fiel sie ihm wieder um den Hals.

Marguerite, die das Geschehen mit ihren beiden Kindern – jedes an einer Hand – aus einiger Entfernung mitangesehen hatte, kam sich ein wenig überflüssig vor. Auch die beiden kleinen sahen ein wenig skeptisch drein.

Als Caroline Roxton ihren Sohn wieder losgelassen hatte bemerkte sie, dass er nicht alleine gekommen war. Verwirrt sah sie von John zu Marguerite und den Kindern und wieder zurück.
"Das ist meine Überraschung von der ich dir erzählt habe Mutter" grinste Roxton. Er ging zu Marguerite hinüber und legte eine Hand auf ihre Schulter. "Darf ich dir Marguerite, deine zukünftige Schwiegertochter, vorstellen?" Marguerite verbeugte sich vor Lady Roxton und sagte in höflichem Tonfall: "Guten Tag Milady, ich hoffe, es schockiert Sie nicht allzu sehr dass Ihr Sohn mich mitgebracht hat!"
"Nicht doch mein Kind, so förmlich sind wir hier nicht!" widersprach Caroline ihr sofort. Sie drückte Marguerite fast genauso fest wie ihren Sohn vorher. "Willkommen zu Hause Marguerite!" sagte sie.
"Danke sehr, Milady" sagte Marguerite höflich. "Und nenn mich nicht Milady, ich heiße Caroline ja?" sie lächelte Marguerite an und diese lächelte zurück. Marguerite war sichtlich erleichtert, dass ihre zukünftige Schwiegermutter nicht so sittenstreng war, wie sie sie sich immer vorgestellt hatte.

Dann sah Caroline auf die beiden kleinen, die bereits ohne Probleme stehen konnten. "Ja und wer ist denn das?" fragte Caroline und kniete sich vor die beiden einjährigen Zwillinge. "Oma!" sagte der kleine William und begann breit zu grinsen. "Ja stell dir vor ich bin eure Oma!" Caroline strich dem Jungen sanft übers Haar.
"Und ein kleines Mädchen auch noch! Gott, das hab ich mir schon immer gewünscht! Wie heißt ihr zwei hübschen denn eigentlich?" fragte sie.

"Das hier ist Lord William Christopher Roxton und diese junge Dame hier heißt Lady Catherine Melissa Roxton!" sagte John voller Stolz, während er seinen beiden Kindern sanft über den Kopf strich.
"Die Ähnlichkeit ist echt verblüffend" sagte Caroline. "bei beiden! Aber lasst uns jetzt erst mal rein gehen, und dann erzählt ihr mir von euren Abenteuern und wehe ihr lasst eins aus! Larry! Komm doch bitte raus und trag das Gepäck rein!" rief sie dem Butler.

"Wir sollen dir alles erzählen was wir erlebt haben?" fragte John. "Oje, das kann aber eine Weile dauern!"

***

Ein Kindermädchen wurde nicht zusätzlich eingestellt. Caroline Roxton war dagegen, und Marguerite und John hätten es sowieso nicht zugelassen. Das Kinderzimmer der beiden Kleinen lag gleich neben dem elterlichen Schlafzimmer und wenn noch eines der Kinder in der Nach zu weinen begann – was sowieso fast nicht mehr vorkam – stand eben entweder Marguerite oder John auf.

Nach einem ausgiebigen Rundgang durch das Anwesen kurz nach ihrer Ankunft, redete die kleine Familie noch stundenlang über das Erlebte und Caroline Roxton zeigte sich sehr interessiert und wollte alles ganz genau erzählt bekommen.
Aber auch als sich das Gespräch auf Marguerites Vergangenheit lenkte, zeigte sie Mitgefühl und fand tröstende Worte. Sie war – neben John – mit der einfühlsamste Mensch dem Marguerite je begegnet war.

Spät am Abend gingen alle zu Bett. Marguerite und Roxton schliefen schon wie ein Ehepaar im gemeinsamen Bett.
"Selbst wenn ich es nicht wollte, könnte ich meinem Sohn nicht seinen Kopf verbieten" meinte Caroline früher am Tag, als Marguerite sie fragte, ob das für sie wirklich in Ordnung wäre, bis zur Hochzeit. "Er ist solch ein Dickschädel, aber ich glaube das brauche ich dir ja nicht zu erzählen!"

"Oh John ich bin ja so froh" seufzte Marguerite als sie in dem breiten Ehebett in Johns Armen lag. "Wir sind zu Hause, deine Mutter ist richtig nett und wir haben zwei wunderbare Kinder...."
"Ja aber ich hab dir doch prophezeit dass alles gut werden wird! Weist du noch? Jetzt stell dir mal vor wir wären nicht dieser Spur gefolgt!" meinte Roxton während er ihren Rücken streichelte. "Ich frage mich bloß, wer diesen Ron Goldman geschickt haben könnte? Nach fünf Jahren? Das ist mir bis heute ein Rätsel!"
"Ja sehr seltsam nicht wahr? Das hab ich mich auch schon öfters gefragt. Ob wir es je herausfinden werden?" fragte sich Marguerite.
"Ich weis es nicht, aber Hauptsache ist doch, wir sind wieder hier! Und wir sollten jetzt auch ein wenig schlafen, nach diesem Tag heute!" sagte Roxton und küsste Marguerite sanft auf die Wange.
"Ja und bei dem ereignisreichen Tag morgen erst! Caroline und ich wollen uns Gedanken über die Taufe und die Hochzeit machen, falls du was mitreden willst, solltest du dich auf einen langen Tag einstellen!"
"Uh weißt du" begann Roxton "ich glaube ihr Frauen könnt das sowieso besser als ich! Ich werde mich morgen mal umhören, was alles so in unserer Abwesenheit passiert ist, vor allem hier in diesem Haus! Ich bin ja schließlich der Hausherr!"
"Ja mein Hausherr und jetzt hör auf zu reden ich möchte schlafen!" sagte Marguerite, kuschelte sich noch enger an ihn und schlief fast sofort ein.

***

Die nächsten drei Tage verliefen sehr hektisch. Während Catherine und William in ihrer extra hergerichteten Spielecke spielten, saßen Marguerite und Caroline zusammen und besprachen die Hochzeit und die Taufe.
Sie entschlossen sich dazu, die Taufe zwei Tage vor der Hochzeit stattfinden zu lassen, beides an einem Tag wäre zu viel.

Die Taufe sollte nur im kleinen Familienkreis stattfinden, natürlich mit den Baumhausbewohnern, darauf bestand Marguerite. Sie wünschte sich als Taufpaten Veronica für Catherine und Malone für William. Somit war das Thema Taufe schnell erledigt.

Die Hochzeit war dagegen etwas anderes. Wenn ein britischer Lord heiratete, dann bedeutete das, dass er auch zwangsweise alle höheren Mitglieder vom Reformclub und weitere hohe Herren einzuladen hatte – ob er nun wollte oder nicht. Sie nicht einzuladen, würden diese Herren als persönliche Beleidigung empfinden.
Also wurde eine lange Liste der Hochzeitsgäste geschrieben. Dann ließ man die Einladungen drucken.
Am nächsten Tag kam eine Schneiderin ins Haus, die Marguerite ein traumhaft schönes Hochzeitskleid nähte, in dem sie noch viel schöner aussah als sie es sowieso schon war. Sie konnte es kaum noch erwarten, bis John es endlich sehen durfte.
Trauzeugen würden Challenger, Malone, Finn und Veronica sein.

***

Die Zeit verging so schnell, dass ruck zuck der Samstagabend gekommen war und das Abendessen vor der Tür stand, zu dem Roxton die vier anderen Baumhausbewohner sowie Challengers Frau Jesse eingeladen hatte.
Caroline Roxton freute sich riesig darüber, sie liebte es, Gäste zu haben. Und der Koch hatte ein wirklich zauberhaft gutes Essen gekocht.

Und um pünktlich 20:00 Uhr klingelte es an der Haustür. Larry ging die Tür öffnen und führte sechs hungrige Menschen in den Speisesaal. Sechs? Veronica, Malone, Finn, Challenger, seine Frau und.....

"Summerlee! Aber das gibt es doch gar nicht!" rief Roxton laut aus und Marguerite war so verdutzt, dass sie erst mal gar nichts mehr sagen konnte.
"Na ich hoffe das gute Essen reich noch für eine Person mehr, ansonsten muss ich wieder gehen..." sagte Summerlee in seiner zynischen, aber doch lustigen Art.

"Alter Freund Sie gehen nirgendwo hin!" Roxton schloss ihn in die Arme und Marguerite danach ebenfalls. "Wo kommen Sie denn her? Wir dachten Sie wären tot!"
"Nun meine Liebe, da ihr euch anderen ja mittlerweile auch mit `du` anredet, möchte ich doch bitten dass ihr das mit mir auch so macht!" fing Summerlee an. "Und den Grund warum ich hier bin und wie ich her kam, möchte ich euch natürlich auch nicht verschweigen, aber alles zu seiner Zeit! Ich habe Hunger!" verkündete er, erblickte Caroline Roxton und wurde tatsächlich ein wenig rot!
"Oh Madam wie dumm von mir! Wie konnte ich vergessen Sie zu begrüßen!" er ging auf sie zu und gab ihr einen Handkuss worauf Caroline leicht errötete und meinte "ach Professor ich habe schon so viel von Ihnen gehört, es ist mir eine Ehre, Sie hier willkommen zu heißen! Aber nun bitte zu Tisch! Das Essen wird gleich serviert!"

Das Essen schmeckte natürlich hervorragend und nach dem Dessert machten es sich alle im großen Wohnzimmer vor dem Kamin bequem und Summerlee erzählte, wie er nach London kam:
"Ich dachte wirklich schon ich müsste sterben!" erzählte er aufgeregt. "als ich den Felsen hinuntergefallen bin, mit der Schussverletzung, könnt ich euch das ja gut vorstellen. Aber ich wurde von einem weichen etwas aufgefangen, es war so was ähnliches wie ein Laubhaufen.
Dann wurde es dunkel um mich und das nächste, woran ich mich wieder erinnere, war, dass ich, gebadet und frisch angezogen vor einem Höhlenausgang lag. Meine Wunde war verbunden und fast schon wieder abgeheilt. Ich weis bis heute nicht, wer das getan hat.
Dann gelangte ich nachdem ich mich ungefähr eine Woche lang durch den Dschungel geschlagen habe, an die Küste und fuhr mit dem Schiff nach Hause. Im Wissenschaftsclub glaubte mir natürlich niemand, und so ließ ich es sehr schnell bleiben, sie von unserer Entdeckung überzeugen zu wollen.
Stattdessen schickte ich eine Expedition nach der anderen los, um euch zu holen, ich hatte mir nämlich den Eingang der Höhle eingeprägt und eine Karte gezeichnet.
Aber leider erreichte nie eine Menschenseele das Plateau – bis jetzt!"

"Dann hast du also Ron Goldman losgeschickt um nach uns zu suchen!" stellte Marguerite erstaunt fest.
"Ja, ihn und noch drei andere Männer. Aber die anderen sind schon im Dschungel Südamerikas umgekommen, sie haben das Plateau nie erreicht. Manchmal frage ich mich wirklich, wie wir das alles schaffen konnten, ohne größeren Schaden zu nehmen!"
"Ja du hast Recht, Arthur! Das war wirklich unglaublich!" sagte Challenger.

"Nun zu einem anderen Thema" begann Marguerite. "am Donnerstag in einer Woche ist die Taufe von Catherine und William und wir konnten uns echt schwer entscheiden, wer die Paten werden. Aber ich möchte euch, Veronica und Malone darum bitten. Seid ihr einverstanden?" fragte sie.
"Ob wir einverstanden sind?" fragte Veronica ungläubig. "Natürlich sind wir!" setzte Ned noch einen drauf.

"Gut und die Hochzeit ist am Samstag nach der Taufe. Eine Einladung kriegt ihr noch. Als Trauzeugen möchten wir euch alle haben!" sagte Roxton. "Vorausgesetzt, ihr habt nicht schon was anderes vor!"
Alle fingen an zu lachen.
"Aber Summerlee...." begann Marguerite. Ihn hatten sie natürlich nicht mit eingeplant.
"Oh ich bin zu alt für so was!" rief er aus. "Ich werde mit im Publikum sitzen und dieser jungen Dame hier die Taschentücher reichen!" sagte er und lächelte Caroline an, die darauf leicht errötete. Alle anwesenden fingen verstohlen an zu grinsen – da entwickelte sich doch nicht noch etwas?

Nachdem die Kinder ins Bett gebracht worden waren, floss – vielleicht auch ein bisschen zu viel – Alkohol und spät am Abend verabschiedeten sich die Freunde.

***

Der Hochzeitstag war ein schöner, sonniger Samstag im Juni, die Vögel sangen, es war warm und der Sommer stand vor der Tür.
Marguerite war sehr aufgeregt, in der Nacht zuvor hatte sie kein Auge zugetan. Gestern durfte sie John nicht sehen, da es ja Unglück brachte, wenn sich beide Partner am Tag vor der Trauung sahen. Sie hatte John das letzte Mal am Abend der Taufe von den beiden Zwillingen gesehen. Danach ist er in die Stadt gefahren und hat die Zeit bis zur Hochzeit in Challengers Wohnung verbracht, der noch ein Gästezimmer frei hatte.

Nun stand Marguerite da und ließ sich in ihr Kleid helfen, ein Kleid aus weißer Seide, schlicht geschnitten, aber unglaublich verführerisch. Die Haare bekam sie von einer Friseurin hochgesteckt, wobei der Schleier mit eingeflochten wurde. Dann noch ein wenig Make-Up und fertig war die Braut!
Catherine und William staunten nicht schlecht, als sie ihre Mutter so sahen. Und auch alle anderen Anwesenden – darunter auch Veronica und Finn – konnten nur immer wieder betonen, wie wunderschön sie aussah.

Die Trauung war für 10:00 Uhr morgens angesetzt worden. Jetzt war es 9:45, und Marguerite wurde langsam aber sicher wirklich nervös und zupfte an ihrem Kleid herum.
Die Trauung fand draußen im Freien auf dem riesigen Grundstück statt. Dort war schon alles aufgebaut und geschmückt. Die knapp 100 Gäste, die erwartet wurden, waren schon alle eingetroffen und saßen auf ihren Stühlen.
"So ich glaube wir können dann so langsam mal runter gehen. John ist bereits draußen, also wird er uns nicht über den Weg laufen!" sagte Caroline Roxton. "Hier ist dein Blumenstrauß!"
Sie drückte Marguerite einen wunderschönen Strauß aus lauter weißen Rosen in die Hand und bedeutete allen, ihr zu folgen. Die beiden Zimmermädchen trugen Marguerites langen Schleier.

Unten angekommen sagte Veronica zu Marguerite: "Du wir müssen jetzt auch raus. Bis gleich! Du siehst zauberhaft aus!" "Danke aber ihr auch!" bedankte sich Marguerite bei ihr und Finn.
Als letztes kam noch Caroline Roxton mit ihren beiden Enkelkindern an der Hand zu ihr und meinte: "Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag noch erlebe, an dem mein Sohn heiratet! Und noch dazu so ein hübsches und liebenswertes Geschöpf wie dich!"
Marguerite war zu Tränen gerührt. "Danke, ich danke dir dafür dass du mich einfach so, ohne Vorbehalte aufgenommen hast!" "Ach komm, was gewesen ist, liegt in der Vergangenheit und interessiert nicht weiter. Jedenfalls nicht mich!"
Dann gab sie Marguerite ein Küsschen auf jede Wange und auch die beiden Kleinen durften ihre Mama noch einmal knutschen, und dann waren nur noch Marguerite und die beiden Zimmermädchen, die den Schleier trugen, vor dem Hinterausgang, wo es hinaus zu dem in freier Natur aufgebauten Altar ging, wo der Pfarrer und John und auch alle anderen Gäste bereits warteten.

Marguerite zitterte leicht vor Aufregung, als die Musik anfing zu spielen. Das war ihr Zeichen, nach draußen zu gehen. Jetzt warteten alle nur noch auf die Braut!

Als sie in das warme Sonnenlicht hinaustrat, mit dem Blumenstrauß in der Hand und einem leichten Lächeln, und als sie schließlich auch die bewundernden Blicke der Gäste und die leuchtenden Augen von John sah, waren die Nervosität und Aufregungen der letzten Tage wie weggeblasen.
Nun hatte sie keine Bedenken mehr, dass sie das Richtige tat. Die letzte Zeit über hatte sie immer wieder Gewissensbisse, ob diese Ehe endlich einmal halten sollte. Nach vier kaputten Ehen und Männern die ihr wie nie jemand zuvor weh getan hatten, sollte sie endlich den richtigen gefunden haben?
Aber John war anders als alle Männer die sie kannte. Er war einfühlsam, geduldig und überaus zärtlich und er verzieh ihr ihre Sturheit und ihren Starrsinn. Er verstand sie und war bereit, alles dafür zu geben, um bei ihr zu sein. Er liebte sie über alles. Das alles spiegelte sich nun in seinen Augen wider, als sie langsam über den Teppich schritt und ihm immer näher kam.
Er sah auch äußerlich zum anbeißen aus. Er trug einen schwarzen, edlen Smoking mit einer Fliege und war noch von der Sonne Südamerikas – genau wie Marguerite auch – braungebrannt.

Als Marguerite vorne am Altar angekommen war, nahm John ihre Hand und meinte mit einem strahlenden Lächeln: "Ich hätte nie gedacht, dass du NOCH schöner sein kannst als sonst!"
Marguerite konnte nicht wirklich etwas darauf antworten, sondern errötete nur leicht. "Danke John" brachte sie kurz hervor. Dann setzten sich beide – immer noch Händchen haltend – auf die kleine Bank, die vor dem Altar aufgestellt worden war.

Die Zeremonie dauerte nicht allzu lange, und eine halbe Stunde später war der Zeitpunkt gekommen, die Ringe zu tauschen. Der kleine William durfte die Ringe nach vorne bringen. Ganz langsam und vorsichtig, damit er die guten Stücke nicht fallen ließ, aber auch furchtbar stolz stapfte er los und überbrachte schließlich dem Pfarrer das Kissen mit den Ringen.
Nach den berühmten Worten "willst du" worauf beide natürlich mit "ja ich will" antworteten, nahm John ganz zärtlich Marguerites Hand und steckte ihr den Ehering an den Ringfinger. Danach war Marguerite an der Reihe. Der Ring, der deutlich größer war als ihrer, passte perfekt über Johns Finger.
`Schon komisch´ dachte Marguerite in dem Moment. `bei allen anderen Hochzeiten saß der Ring meines Partners entweder zu locker oder man musste etwas nachhelfen, um ihn hinauf zu bekommen.` aber dieses Mal ging alles gut und als der Priester die berühmten Worte "und hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau! Sie dürfen die Braut jetzt küssen!" sagte, konnte Marguerite ihre Freudentränen nicht mehr zurückhalten und gab sich seinem sanften Kuss hin.

Nachdem das Brautpaar den Gang zwischen den Stühlen zurückgegangen war – mit Catherine und William als Blumenkindern – fanden sich alle an lauter großen, geschmückten Tischen wieder, um kurze Zeit später vom reichhaltigen Buffet das Mittagessen einzunehmen.

Bis zum Abend hin wurde gegessen, getanzt, gefeiert und jeder war fröhlich. Marguerite wurde mit den verschiedensten Leuten bekannt gemacht und keiner von ihnen redete schlecht über sie oder machte abfällige Bemerkungen.
Sie lernte Johns restliche Verwandtschaft kennen – seine Cousins und Cousinen mit deren Kindern, und jede Menge Leute vom Königshaus bis zum Reformclub.
Als es Zeit war, den Brautstrauß zu werfen, versammelten sich alle unverheirateten jungen Damen vor Marguerite, die sich umdrehte und das gute Stück über ihre Schulter warf. Und wer fang den Strauß? Die meisten Frauen entfernten sich leicht frustriert wieder, als Veronica den Strauß fing und breit grinsend Malone damit zuwinkte. Dieser wurde auch prompt rot im Gesicht.

Je näher der Tag sich dem Ende zuneigte, desto lockerer wurde die Stimmung, aber nachdem William und Catherine ins Bett gebracht wurden – sie durften heute extra lange aufbleiben – verabschiedete sich das Brautpaar und ging in die "Flitterwochen".
Diese wurden im "Gartenhaus" verbracht, da Marguerite und Roxton erst einmal genug vom vielen Reisen hatten.
Das "Gartenhaus" wie es genannt wurde, war eher ein kleineres Einfamilienhaus, das am anderen Ende des riesigen Grundstücks stand und wo die frisch Vermählten die nächsten drei Tage verbringen wollten.

Sie fuhren allein mit einer Limousine dorthin. Hier draußen war fast nichts mehr von den Festlichkeiten im Haupthaus zu hören und nachdem sich Marguerite und Roxton frisch gemacht hatten, machten sie es sich im breiten Bett vor dem Kamin bequem.
"Habe ich dir heute eigentlich schon gesagt wie wunderschön du bist und wie glücklich ich mich schätzen kann dass ich jemanden wie dich gefunden habe?" fragte Roxton mit einem Grinsen im Gesicht.
"Hm...mal überlegen" Marguerite tat so, als ob sie angestrengt nachdachte. "Ich glaube so ungefähr eine Million mal" gestand sie und küsste ihn zärtlich.
"Was glaubst du eigentlich was zwischen deiner Mutter und Summerlee los ist?" fragte Marguerite verschmitzt. "Sie haben den ganzen Tag zusammen gesessen und geredet!"
"Tja ich denke das wird die Zeit zeigen mein Schatz" lächelte Roxton. "Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn die beiden zusammen kommen würden!"
"Ja das wäre echt toll! Ich kann es nur immer noch nicht so recht fassen! Wir sind jetzt verheiratet, aber ich fühle mich so...befreit. Bei meinen anderen Hochzeiten war das immer anders herum" gestand Marguerite.
"Ich freue mich, dass es dieses Mal anders ist" sagte John sanft. "Und ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, dass das auch so bleibt!"
"Ah ja? Zum Beispiel?" fragte Marguerite und sah ihn spitzbübisch aus ihren wunderschönen großen Augen an.
"Na ich würde sagen dass das hier" er nahm den dünnen Träger ihres Nachthemdes zwischen Daumen und Zeigefinger "nicht ganz hier herpasst" beendete er den Satz.

Noch bevor Marguerite ihm darauf eine Antwort geben konnte, spürte sie bereits seine hungrigen Lippen auf den ihren. Der Kuss wurde mit jeder Sekunde intensiver und binnen kurzer Zeit waren sowohl Marguerites Nachthemd als auch Johns Schlafanzug "aus dem Weg geräumt".

***

Die nächsten drei Tage verbrachten die beiden – wie es in den Flitterwochen so üblich ist – die meiste Zeit im Bett und standen nur auf, um etwas zu essen oder baden zu gehen.

Beide redeten sie noch viel über ihre Zukunft, die nun weit ausgebreitet vor ihnen lag. Sie planten noch weitere Kinder, die Anschaffung von einem Hund und noch vieles, vieles mehr. Die gemeinsame Zukunft, die sie sich auf dem Plateau ausgemalt hatten, war nun endlich Wirklichkeit geworden!

***

ENDE

Blitz und Donner

"So mal sehen, jetzt müsste eigentlich alles beieinander sein" murmelte Lord John Roxton vor sich hin, während er die Utensilien noch einmal durchging, die Marguerite für ihren kleinen Ausflug zusammengepackt hatte. Aber halt! Da fehlte doch noch was!
"Marguerite du hast die Munition vergessen!" rief er von der Küche aus in Richtung ihres Zimmers. "Challengers Pflanzen in allen Ehren aber was tun wir wenn uns ein hungriger Raptor über den Weg läuft und wir nicht genug Kugeln dabei haben?"

Marguerite kam aufgebracht aus ihrem Zimmer. "Schon gut sei doch nicht immer so voreilig! Hier sind deine doofen Patronen! Ich wollte sie gerade eben holen!" regte sie sich auf und knallte ihm die Dinger hin.
Dann ging sie und schenkte sich ein Glas Wasser ein und wollte damit schon wieder in ihr Zimmer verschwinden.
"Hey warte doch mal" rief Roxton hinter ihr her und sie blieb abrupt stehen, drehte sich aber nicht um.
"Was ist ich möchte mich noch umziehen bevor wir losgehen" sagte sie gereizt, wusste aber selber nicht genau, warum sie so reagierte. Er hatte doch nichts schlimmes gesagt! Warum nur regte sie sich dann so auf?

"Es tut mir leid Marguerite! Wenn ich dich beleidigt haben sollte tut‘s mir wirklich leid, aber komm lass uns jetzt nicht streiten! Freust du dich denn nicht, mal wieder ein paar Stunden mit mir allein zu sein?" jetzt stand er hinter ihr und legte leicht die Hand auf ihre Schulter.
"Ja schon, aber vergiss nicht, wozu wir diesen Ausflug machen!" jetzt klang Marguerites Stimme schon etwas freundlicher, aber sie sah ihn immer noch nicht an. "Wir müssen diese Pflanze suchen, die Challenger neulich gesehen hat. Außerdem hab ich immer ein komisches Gefühl bei solchen `Ausflügen` Letztes Mal war ein Dämon unter uns und wir wurden verdächtigt, ihn in uns zu tragen!"
Jetzt drehte sie sich um und sah im mitten ins Gesicht. Aber er konnte nichts in ihrem Gesicht lesen, es war völlig ausdruckslos.
"Ja aber das muss doch nicht heißen dass das immer so sein wird!" versuchte er sie zu beruhigen. "Außerdem müssen wir uns beeilen, sonst kommen wir heute Abend vor dem Dunkel werden nicht mehr heim und müssen die Nacht draußen verbringen!" `was eigentlich gar keine schlechte Idee ist´ fügte Roxton noch in Gedanken hinzu, wagte es aber nicht auszusprechen.
"Eben deshalb wollte ich gerade in mein Zimmer gehen, um mir andere Sachen anzuziehen!" gab Marguerite trotzig zurück und verschwand sofort in ihrem Zimmer.

Mit einem Seufzer ging Roxton zurück zum Küchentisch und packte die Munition mit in den Rucksack. Als Marguerite kurze Zeit später aus ihrem Zimmer kam, sagten sie noch kurz Challenger Bescheid, der in seinem Labor mit dem Käfer Arthur beschäftigt war, dass sie jetzt aufbrechen würden und ließen sich noch eine kleine Wegbeschreibung zu der Stelle geben, wo Challenger die begehrten Pflanzen gesehen hatte. Mit einer kleinen Skizze verließen sie das Baumhaus und machten sich auf den Weg.

***

Seit Tagen war kein Tropfen Regen mehr gefallen und glühende Hitze regierte das Plateau. Es war so heiß, dass nicht einmal die Dinosaurier sich blicken ließen.

"Man es ist eine Zumutung bei diesen Temperaturen draußen herumzulaufen!" beschwerte sich Margerite.
"Ja aber du kennst ja George!" erwiderte Roxton. "Die Wissenschaft geht ihm über alles!" "Ich pfeif auf die blöde Wissenschaft! Wir sind nicht mal eine halbe Stunde unterwegs und ich habe jetzt schon meine halbe Feldflasche ausgetrunken! George ist schuld wenn wir verdursten!" regte sie sich auf.
"Schon gut, wir sind ja bald da! Außerdem wird das ja nicht ewig so weiter gehen! Irgendwann wird es sicher wieder regnen!" versuchte er sie zu beruhigen.
"Ja und jetzt wäre der beste Zeitpunkt dazu!" murmelte Marguerite.
"Sollen wir eine Pause machen?" fragte Roxton sie. "Eine Pause? Nein, je eher wir diese Pflanzen gefunden haben, desto eher können wir wieder zum Baumhaus zurück. Da ist es wenigstens nicht ganz so heiß wie hier draußen und man kann kalt duschen!"

Nach einer weiteren halben Stunde Fußmarsch waren sie an dem Ort angekommen, an dem Challenger die Pflanze gesehen hatte.
Beide waren dann doch so erschöpft, dass sie sich erst einmal in den Schatten setzten. Sie waren in einer kargen Gegend gelandet, in der es jede Menge Felsen gab, aber fast keine Bäume, und die waren noch dazu sehr verdorrt. Die Hitze hatte hier alles austrocknen lassen.

"Also hier soll diese Pflanze wachsen???" fragte Marguerite ungläubig und sah sich die Umgebung, in der sie sich befanden, an. "Also das glaub ich erst wenn ich es sehe!"
"Challenger hat gesagt, dass sie hier zu finden ist, und auch verdorrte Pflanzenteile wären ihm sehr von Nutzen! Ich schlage vor, wir ruhen uns noch eine Weile aus und dann suchen wir getrennt nach dem Zeug, so werden wir schneller fertig!" schlug Roxton vor.
"Mir egal, Hauptsache, wir kommen hier so schnell wie möglich wieder weg!"

Sie warteten noch ca. 20 Minuten, bevor sie aufbrachen. Roxton ging in östliche Richtung, Marguerite wandte sich nach Westen.

***

Nach einer halben Stunde Kletterpartie über die Felsen zweifelte Roxton dann doch leicht an Challengers Verstand. HIER wuchs weit und breit gar nichts! Nur Felsen und verdorrtes Buschwerk. Wo sollte denn diese ominöse Pflanze wachsen?? Auf Stein? Außerdem musste man höllisch aufpassen, denn die Felsen waren keineswegs glatt, sondern hatten scharfe Kanten, an denen man sich leicht schneiden konnte.
Er fragte sich, ob es so klug gewesen war, sich von Marguerite zu trennen. Wenn er sich schon so schwer tat, in diesem Gelände vorwärts zu kommen, wie mochte es dann erst ihr ergehen? Gut, ihre Strecke war weniger felsig, aber trotzdem nicht zu unterschätzen.

Roxton rann der Schweiß von der Stirn und um keinen Sonnenstich zu bekommen, setzte er sich auf einen weniger spitzen Felsen unter einen verdorrten Baum, um etwas zu trinken und sich auszuruhen.
Er schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. In einer halben Stunde würde er umkehren müssen, dann waren er und Marguerite wieder an dem Platz verabredet, wo sie sich getrennt hatten. Und wenn bis dahin niemand die Pflanze gefunden hatte, dann würden sie eben ohne sie zurück gehen.

***

Marguerite fluchte laut vor sich hin. Es war heiß, sie hatte ihr ganzes Trinkwasser aufgebraucht und weit und breit war keine Pflanze! Außerdem erwies sich der felsige Boden als Stolperfalle. Sie musste aufpassen, dass sie nicht in den Kluften hängen blieb und hinfiel.
`Ich werde nie wieder für Challenger irgendwas suchen!` nahm sie sich fest vor.
Im Schatten eines großen Felsens setzte sich Marguerite hin, nahm ihren Hut ab und begann, sich damit Luft zuzufächern. "Verdammt" fluchte sie.

***

Roxton wurde von einem leisen Grollen geweckt. Er war ein wenig eingedöst aber es waren lediglich 10 Minuten vergangen, so dass er nicht fürchten musste, Marguerite versetzt zu haben.
Als er den Himmel schaute, erblickte er schwarze, nach Regen aussehende Wolken. Und schon fielen die ersten Regentropfen.
Roxtons Freude darüber hielt allerdings nur kurz, denn das Gewitter zog sehr schnell heran. `Wo zum Teufel soll ich mich denn nur unterstellen?` fragte er sich, aber um lange darüber nachzudenken war keine Zeit mehr. Er lief, so schnell es der steinige Untergrund zuließ, weiter.
Zu seiner großen Erleichterung fand er bald eine kleine Höhle. Als er sie betrat, war er klatschnass, es hatte bereits angefangen, wie aus Eimern zu schütten. Draußen tobte ein Gewitter, wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Nach einer Weile begann sich Roxton Sorgen um Marguerite zu machen. Was wenn sie keinen Unterschlupf gefunden hatte? Mit so einem Gewitter war nicht zu spaßen, vor allem nicht in solch einem Gelände!
Schließlich hielt er es nicht mehr aus und beschloss, sie zu suchen.

***

Marguerite zuckte zusammen, als sie ein leises Grollen in der Ferne hörte. Als sie in den Himmel sah, türmten sich dunkle Wolken, und nicht weit entfernt zuckten schon die Blitze. Es begann zu tröpfeln, und eigentlich sollte sie froh über diese Abkühlung sein, aber das genaue Gegenteil war der Fall.
Sie begann heftig zu zittern und sah sich panisch um. Kein Unterschlupf weit und breit!
Panik stieg in ihr hoch und sie rannte blindlings in irgendeine Richtung.
Das Gewitter kam immer näher und der Regen wurde immer stärker. Dadurch wurde der steinige Untergrund, der vorher mit Staub bedeckt war, rutschig und schlammig.

Marguerite rannte nun durch den Regen und als plötzlich ein Blitz zuckte und der Donner fast gleichzeitig mit diesem kam, erschrak sie fürchterlich und stürzte.
Sie schrie vor Schmerzen laut auf, aber es konnte sie niemand hören. Ihre Handinnenflächen waren von dem Sturz aufgeschürft und ihr rechter Knöchel tat furchtbar weh. Im günstigsten Fall hatte sie ihn sich verstaucht.
Mühsam rappelte sie sich hoch und humpelte davon, doch weit kam sie nicht, denn sie fiel wieder hin, diesmal auf die Knie.
Sie gab es auf, noch weiter zu laufen, und so machte sie sich ganz klein und hoffte, dass das Gewitter bald vorüber ging.
Marguerite hätte nie gedacht, dass sie noch einmal in so eine Situation kommen würde. Allein und verlassen bei so einem Wetter ausharren zu müssen. Erinnerungen aus ihrer Kindheit kamen dabei wieder hoch, und sie begann zu weinen. Mit jedem Blitz, der niederging, zuckte sie mehr zusammen.
`Verdammt John wo bist du nur` dachte sie sich. Sie verfluchte den Moment, als sie seinem Vorschlag zugestimmt hatte, getrennt nach dieser Pflanze zu suchen.

***

Der Regen wurde immer heftiger. Roxton musste schwer dagegen ankämpfen, um vorwärts zu kommen, und der starke Wind, der zu dem kalten Regen blies, machte es ihm dabei auch nicht gerade einfach.
Und er machte sich schwere Vorwürfe. `Warum nur hab ich nur vorgeschlagen, getrennt nach dieser verdammten Pflanze zu suchen! So was dummes kann auch nur mir einfallen!` schimpfte er sich selbst in Gedanken.

Roxton irrte schon Ewigkeiten – so kam es ihm jedenfalls vor – draußen herum, ohne Marguerite gefunden zu haben. Aber aufgeben wollte er nicht – auf keinen Fall würde er wieder in die entdeckte Höhle zurück gehen, bevor er Marguerite nicht gefunden hatte!

Einige Male wäre Roxton um ein Haar ausgerutscht. Der nasse, schlammige Boden war mittlerweile spiegelglatt und mit jeder Minute wuchs seine Angst mehr, Marguerite könnte etwas zugestoßen sein.

Und damit sollte er auch Recht behalten.
Er sah sie erst gar nicht und wäre beinahe an ihr vorbeigelaufen, wenn sie nicht heftig zusammengezuckt wäre, als ein weiterer Blitz niederging.
Sie lag zusammengerollt auf dem Boden und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.

"Mein Gott!" sagte Roxton zu sich selbst und lief so schnell es der rutschige Untergrund zuließ zu ihr hin und kniete sich auf den Boden neben sie.
Als er leicht an ihren Schultern rüttelte und ihren Namen rief zuckte Marguerite noch mehr zusammen als eben vor dem Blitz.

"Marguerite!" rief Roxton nochmals. "Ich bin es doch! Beruhige dich doch bitte!"
Langsam ließ Marguerite die Hände sinken und sah ängstlich nach oben, woher sie die Stimme wahrgenommen hatte. Ihre Augen wurden immer größer, als sie sah, wer ihren Namen gerufen hatte. Roxton kniete, über sie gebeugt, neben ihr und sah sie besorgt an. Aber war er es wirklich?

"John?" fragte sie unsicher. Seinen Namen konnte er nur von ihren Lippen ablesen. Der geflüsterte Laut dazu erstickte in dem Getöse aus strömendem Regen und dem Sturm um sie herum.
"Wir müssen weg hier!" rief er gegen den Sturm an. "Ich hab eine Höhle gefunden los komm!" Mit einem Ruck zog er sie hoch, nahm ihre Hand und wollte sie mit sich ziehen, doch sie hielt ihn davon ab. "Mein Fuß" sagte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Roxton hielt sich nicht lange damit auf und nahm Marguerite auf seine starken Arme. Sie klammerte sich sofort wie eine Ertrinkende an ihn. Er konnte fühlen, wie sehr sie zitterte.
Jetzt musste er allerdings – mit Marguerite auf den Armen – doppelt aufpassen, dass er nicht hinfiel. Und den Weg zur Höhle musste er auch noch finden!
Aber Roxton hatte, durch jahrelange Erfahrung als Großwildjäger, einen perfekten Orientierungssinn. Problemlos fand er den Weg zurück zu der kleinen Höhle.

Dort angekommen, atmete er erleichtert aus und setzte Marguerite auf dem Boden ab.
Er holte ein paar Decken aus einem Rucksack und breitete eine davon auf dem Boden aus. Die andere gab er Marguerite und meinte: "Hier zieh erst mal die nassen Sachen aus, sonst holst du dir noch den Schnupfen! Ich werde ein Feuer machen, hier liegen ja genug trockene Äste rum! Ich schau mir deinen Fuß nachher an."

Marguerite war immer noch wie in Trance. John war auf einmal da, wie ein Ritter, der das Burgfräulein vor dem bösen Drachen rettet. Er hatte eine Höhle gefunden ist aber trotzdem nochmals in den strömenden Regen hinausgegangen, um sie zu suchen, obwohl er eigentlich gemütlich hier drinnen das Ende des Gewitters abwarten hatte können, das immer noch mit voller Kraft draußen wütete. `Warum macht er nur immer wieder so was?` fragte sich Marguerite.

Als sie bemerkte, dass sich John aus Rücksicht ihr gegenüber umgedreht hatte, und nun mit dem Rücken zu ihr saß und versuchte, die trockenen Zweige anzuzünden, schälte sie sich langsam aus ihren nassen Klamotten, die an ihrem Körper klebten.
Bald saß sie in ihre Decke gehüllt auf der Decke, die Roxton vorher ausgebreitet hatte. Ihre Klamotten hatte sie zum Trocken ausgebreitet.

Als auch Roxton seine nasse Kleidung losgeworden war, und sich ebenfalls in eine warme Decke gehüllt hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Marguerite zu. Sie saß auf der ausgebreiteten Decke in ihre eigene gehüllt und starrte geistesabwesend auf das prasselnde Feuer. Allerdings hatte sie ihren rechten Stiefel nicht ausgezogen.

"Soll ich dir helfen?" frage er und deutete auf den Stiefel.
"Hm?" Marguerite schreckte auf als er mit ihr sprach. "Was?" "Na der Stiefel. Du musst ihn ausziehen" sagte er während er sich neben sie auf die Decke setzte.
"Ja ich weiss aber es tut höllisch weh" gab sie zu.

Roxton nahm ganz vorsichtig ihren rechten Fuß in die Hand und zog sachte am Stiefel. "Au!" Marguerite biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. "Schon gut, aber noch vorsichtiger kann ich wirklich nicht" entschuldigte sich Roxton.
"Macht nichts, ich hab schon Schlimmeres überstanden" sagte Margerite.

Als der Stiefel schließlich ausgezogen war, konnte man sehen, wie sehr Marguerites Knöchel bereits angeschwollen war.
"Oje das sieht ja gar nicht gut aus! Kein Wunder dass es so weh getan hat!" sorgte sich Roxton und tastete behutsam ihren Knöchel ab. "Aber gebrochen ist, glaube ich, zum Glück nichts! Aber wir brauchen kaltes Wasser!" sagte er, schnappte sich eine Schüssel und stellte sie raus in den strömenden Regen, um Regenwasser aufzufangen.

Es dauerte nicht lange und die Schüssel war randvoll mit frischem, kaltem Regenwasser. Roxton stellte eine zweite raus und nahm die volle mit in die Höhle.
"Hier trink erst mal was" sagte er und reichte ihr einen Becher voll Wasser.
Danach tauchte er ein Tuch in das kalte Wasser in der Schüssel und legte es vorsichtig über Marguerites geschwollenen rechten Knöchel. Das war eine Wohltat. Sofort ließ der Schmerz sowie die Schwellung ein wenig nach.
"Bist du sonst noch wo verletzt?" wollte Roxton wissen und sah ihr in die Augen.
Marguerite schüttelte den Kopf und meinte nur: "nein, nichts Erwähnenswertes" und sah weg.
"Wie meinst du das, `nichts Erwähnenswertes`?" fragte er skeptisch. "Du weist doch selber dass selbst ein Kratzer sich hier draußen leicht entzünden kann!"

Marguerite seufzte und schob die Decke ein wenig zur Seite damit man ihre aufgeschürften Knie sehen konnte. Dann streckte sie noch ihre Handflächen aus, die ebenfalls aufgeschürft waren.
"Das sieht aber gar nicht so harmlos aus wie du es eben gesagt hast" sorgte sich Roxton und nahm vorsichtig ihre Hände in seine und sah sich die Schürfwunden etwas genauer an. Auch die Knie waren schlimm aufgeschürft. Es blutete zwar nicht, aber Roxton wusste aus Erfahrung dass mit so was nicht zu spaßen war.
"Ich werde die Wunden auswaschen müssen" meinte er. "Sonst entzünden sie sich und du kannst Fieber und weiss Gott noch was kriegen."

Marguerite sagte nichts sondern zuckte nur mit den Schultern. Sie war nur froh, dass sie in Sicherheit war. Alles andere war ihr egal.
Roxton holte sich die zweite Schüssel, die draußen im Regen stand und wärmte das Wasser darin über dem Feuer etwas auf, dass es nicht zu kalt war.

Als das Wasser eine angenehme Temperatur erreicht hatte, nahm er einen sauberen Lappen und wusch zuerst Marguerites Knie und dann ihre Handflächen vorsichtig aber sorgfältig aus.
Es tat zwar höllisch weh, aber Marguerite biss die Zähne zusammen und ließ sich nichts anmerken, obwohl selbst ein Blinder gesehen hätte, wie sehr es ihr weh tat.

"Es tut mir Leid Marguerite" fing John an, als er sich schließlich neben sie an das warme Feuer gesetzt hatte. "Ich hätte nie vorschlagen dürfen, dass wir getrennt nach dieser Pflanze suchen. Jetzt bist du verletzt und wir sitzen hier fest. Und alles ist es meine Schuld!" machte er sich Vorwürfe.
"Es ist nicht deine Schuld John!" sagte Marguerite aufgebracht. "Ich bin einfach zu doof zum Laufen und muss vor jedem dummen Gewitter wegrennen weil...."

Jetzt war es zu spät. Marguerite hatte ihm gestanden, dass sie Angst vor Gewittern hatte, und er würde auch sicher gleich Nachfragen, warum. So ein Mist! Das war einfach nicht ihr Tag heute!
Der ganze Stress und die Angst der vergangenen Minuten und Stunden brach auf einmal über Marguerite herein und sie begann zu weinen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte los.

Roxton saß erst einmal da und wusste nicht ein und nicht aus. Was war denn nur mit ihr los? Er nahm sie in den Arm und erstaunlicherweise ließ Marguerite ihn gewähren. Sie legte ihren Kopf an seine Brust und so saßen sie lange Zeit, bis Marguerite sich wieder etwas beruhigt hatte.

Endlose Minuten später dachte Roxton schon, sie sei eingeschlafen, doch mit einem Mal, warum konnte er sich auch nicht so recht erklären, löste sich Marguerite von ihm und sah ins Feuer, so als ob nichts gewesen wäre.

"Marguerite ist alles in Ordnung?" fragte Roxton.
"Natürlich ist es das" antwortete sie. Eigentlich hatte sie keine Lust auf das Gespräch, das gleich folgen würde. Aber er ließ ihr keine Wahl.
"Bist du sicher?" fragte Roxton noch einmal nach.
"Ach verdammt nichts ist in Ordnung!" brach es aus ihr heraus. Sie konnte sich nicht länger widersetzen, so sehr sie es auch wollte.

"Du hast vorhin gesagt dass du vor jedem Gewitter davon rennst... hast du solche Angst?" fragte er vorsichtig.
"Etwas" brachte sie hervor.
"Möchtest du mit mir darüber reden?"

Mochte sie? Und vor allem KONNTE sie? Sie WOLLTE.
Sie sah ihn an und nickte.

***

John konnte es nicht fassen. Sie wollte ihm tatsächlich etwas aus ihrer Vergangenheit erzählen. Er fragte sich nur ob es ein Erlebnis aus ihrer Kindheit war oder noch nicht so lange zurück lag.

Marguerite sah wieder ins Feuer. Sie sah traurig aus und spielte nervös an einer Ecke der Decke, in die sie sich eingewickelt hatte.
"Ich habe das noch nie jemandem erzählt" fing sie schließlich an zu reden.
"Ist schon ok" sagte Roxton schnell und legte seinen Arm um sie. "Du weist du kannst mir alles sagen, aber ich würde dich nie dazu drängen, etwas zu tun das du nicht willst. Doch manchmal hilft es, darüber zu reden."
"Das war keine Anspielung darauf dass ich es mir anders überlegt habe" gab Marguerite zurück. "Was ich damit sagen wollte, ist, dass du der erste Mensch bist, mit dem ich darüber reden kann und will." Sie sah ihn fast schon ein wenig ängstlich an.
"Du weist, alle deine Geheimnisse sind sicher bei mir" sagte er noch einmal, genau wie an dem Tag, an dem Collum kam, um den Oroborus zu holen.

Dann lehnte er sich zurück an die Felswand und zog Marguerite mit sich, die dankbar ihren Kopf an seine Schulter legte.
Nach ein paar Augenblicken war sie soweit und fing an, mit leiser Stimme zu erzählen:



"Ich war ungefähr acht oder neun Jahre alt. Zu der Zeit lebte ich in einem Internatskloster für Mädchen, alle meine Mitschülerinnen waren die Töchter von reichen Familien, die sie in den Ferien besuchen durften.

Nur ich durfte das nicht. Anscheinend bezahlten meine Eltern meinen Aufenthalt in dem Internat, aber wollten nichts von mir wissen, weil ich anscheinend immer böse gewesen bin. Sie hatten mich wohl dort abgegeben als ich ungefähr ein halbes Jahr alt gewesen war. Das sagten jedenfalls die Schwestern zu mir und das war auch der Hauptgrund warum ich von den anderen Mädchen immer so schikaniert wurde. Sie ließen keine Gelegenheit aus, um mich fertig zu machen.

Sie machten mich nicht nur mit Worten fertig sondern auch mit Taten. Und das schlimmste Erlebnis hatte ich, als wir in einem Sommer für eine Woche in die Berge fuhren, um zu zelten. Es war so eine Art Ausflug, der einmal im Jahr abgehalten wurde.
Ich wollte eigentlich gar nicht mit, doch es war Pflicht, außer die Eltern konnten einen wichtigen Grund dafür vorbringen, warum ihre Tochter nicht mitfahren konnte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als auch mitzufahren.

Die ganze Woche über wurde ich zum Küchendienst verurteilt. Die anderen Kinder hatten nur einmal am Tag, wenn überhaupt. Ich musste kochen, spülen, waschen, einfach alles machen. Aber sonst im Internat war ich auch nicht besser dran. Die Nonnen behandelten mich nämlich auch nicht viel anders wie mich die Internatsschülerinnen behandelten.

An einem Tag machten wir eine Wanderung. Es war mitten im Sommer und es hatte an die 30 Grad im Schatten. Ich lief wie immer am Ende der Gruppe, allein.
Plötzlich kam Rosie, die heimliche Anführerin der Mädchen und fünf Jahre älter als ich, mit zwei ihrer besten Freundinnen zu mir und meinte, ob ich nicht Lust hätte, mich "abzuseilen".
Ich sagte natürlich nein, da ich Rosie von allen am wenigsten ausstehen konnte. Sie war ein verwöhntes, kleines Miststück.

Aber sie war auch stärker als ich. Sie packte mich fest am Unterarm und flüsterte mir leise ins Ohr, wenn ich nicht mitkäme, dann würde sie der Frau Oberin erzählen, dass ich Süßigkeiten aus dem Speisesaal gestohlen und unter meinem Bett versteckt hätte.
Natürlich stimmte das nicht, aber die Nonnen würden eher Rosie glauben als mir, das war mir klar, denn Beweise brauchten sie keine. Und dann würde ich wieder eine schlimme Strafe erhalten.

Ich sagte also zu und als die Luft rein war, entwischten wir vier ohne gesehen zu werden. Auf einem schmalen Pfad stolperten wir über das steinige Gelände, was nicht sehr einfach war. Und dazu war es auch noch drückend heiß.

Als wir sicher sein konnten, dass uns niemand gefolgt war, machten wir Rast.
"So Marguerite meine Süße ich hab dir doch gesagt, es wird dir nichts passieren" sagte Rosie mit ihrem selbstgefälligen Grinsen, das sich auch schon auf die anderen zwei Mädchen übertragen hatte.
Ich fragte sie was sie denn von mir wollte, und da lachte sie nur laut los und meinte: "Du sollst mir was holen, zwischen dem Gebüsch dort oben auf dem Felshügel ist eine kleine Höhle in der ganz viele Edelsteine sind. Hol mir ein paar davon und dann kommst du wieder her! Wir warten hier solange auf dich."
"Warum holst du sie nicht selber?" fragte ich frech und rechnete schon damit, dass sie mich wieder beleidigen würde, aber das tat sie nicht, sondern sagte nur, sie wäre zu groß und würde nicht durch den Eingang passen. Ich hingegen würde noch hindurchpassen weil ich viel kleiner war.
Ich fragte sie noch was ich denn davon hätte und sie meinte, sie würde mich dann in Ruhe lassen und mich nicht mehr beleidigen, und die anderen Kinder würden das auch nicht mehr tun. Außerdem versprach sie mir, dass ich von der mitgebrachten Beute einen Stein behalten dürfte.

Ich überlegte hin und her und entschloss mich schließlich, es zu machen, ich hatte ja sowieso keine andere Wahl. Würde ich nein sagen, würde sie direkt zur Frau Oberin rennen und wieder irgendwas erzählen, was gar nicht stimmte.

Also ging ich mit einem leicht flauen Gefühl im Magen los und kletterte den steinigen Abhang hinauf, genau wie es Rosie gesagt hatte. Doch als ich oben angekommen war, war dort weit und breit keine Höhle zu sehen! Ich habe wirklich alles dreimal abgesucht, doch nach einer Weile wurde mir dann doch bewusst, dass Rosie mich böse reingelegt hatte.
Ich stieg wieder hinab und Rosie und die anderen zwei Mädchen waren verschwunden! Ich war ihnen also wieder einmal auf den Leim gegangen, und meine Bestrafung würde härter ausfallen, als wenn ich mich vorhin geweigert hätte, die Steine zu holen.

Zu allem Überfluss fing es dann auch noch an zu donnern. Und ein Gewitter in den Bergen zieht ja sehr schnell heran. Ich lief los, doch ich wusste nicht mehr, in welcher Richtung der Pfad war, wo wir die Gruppe verlassen hatten.
Bald schüttete es wie aus Eimern und ich wurde klatschnass. Das Gewitter war so heftig, dass ich furchtbare Angst hatte, von einem Blitz getroffen zu werden. Ich fiel ein paar Mal hin und zog mir Schürfwunden zu. Schließlich rollte ich mich zusammen und hoffte, dass das Unwetter bald zu Ende sein würde.

Nach ewig langer Zeit hörte es dann auf zu blitzen und schließlich auch zu regnen. Ich war völlig fertig mit den Nerven und wenn das schon nicht genug gewesen wäre, kamen bald darauf drei Klosterschwestern und schrieen mich an, was mir denn einfallen würde, mich von der Gruppe zu trennen um nach Schätzen zu suchen, die es gar nicht gab. Dann nahmen sie mich grob an der Hand und wir gingen zurück zum Lager.

Wie sich herausstellte, hatten Rosie und ihre zwei Begleiterinnen behauptet, sie hätten gesehen wie ich weggelaufen bin und wollten mich davon abhalten. Ich hätte ihnen dann erzählt dass ich nach Juwelen suchen wollte und bin noch einmal fortgelaufen.
Ich bekam acht Wochen Stubenarrest und zwei Wochen kein Abendessen mehr. Außerdem musste ich alle möglichen Putzarbeiten erledigen, während die anderen Kinder draußen spielten. Ich hatte versucht, der Oberin die Wahrheit zu erzählen, bin aber wie immer auf taube Ohren gestoßen.
Naja und seit dem bin ich eben nicht gut zu sprechen auf Gewitter..."



Roxton hatte sie nicht unterbrochen und ihr die ganze Zeit während sie erzähtle langsam und zärtlich über den Rücken gestreichelt.
"Jetzt verstehe ich so einiges" sagte er mit sanfter Stimme. "Aber ich hätte nie gedacht, dass du so eine schlimme Kindheit hattest. Das war sicher sehr schrecklich."
"Ja ich hatte mir oft eine ganz normale Kindheit gewünscht, aber das einzige was ich von den Schwestern darauf als Antwort bekam war `wer eine solche Kindheit verdient hat, der bekommt sie auch´ . Ich weis allerdings nicht, was ich falsch gemacht habe. Gut, während des Krieges habe ich schlimme Sachen getan, aber ich war ein halbes Jahr alt, als ich in das Internat kam! Da kann man doch gar nichts dafür oder?" sagte sie und war schon wieder den Tränen nahe.

"Natürlich kann man nichts dafür und auch du konntest nichts dafür" sagte Roxton und drückte sie an sich.
"Warum haben sie mich dann alle so gehasst?" fragte Marguerite, die wieder angefangen hatte zu weinen. "Was hab ich falsch gemacht?"
"Shhhh ganz ruhig! Du hast gar nichts falsch gemacht" beruhigte sie Roxton während er sie in seinen Armen leicht hin und her wiegte. "Hey ich mache dir einen Vorschlag" sagte er dann. "Wenn wir wieder in London sind, dann werde ich dir helfen, herauszufinden, warum du wirklich abgegeben wurdest und woher du kommst. Was hältst du davon?"
"Du möchtest mir helfen?" fragte sie verdutzt, löste sich aus seiner Umarmung und sah ihn ein wenig fassungslos an. "Warum das denn?"
`Weil ich dich über alles liebe` hätte Roxton fast gesagt, aber er war sich nicht sicher, wie sie das auffassen würde und deshalb sagte er: "weil du mir sehr viel bedeutest und du ein Recht darauf hast zu erfahren, wer du wirklich bist."
Marguerite lächelte. "Danke John" sagte sie und er nahm sie wieder in seine Arme.

Sie saßen noch lange da, ohne noch etwas zu sagen, sondern sahen nur in das prasselnde Feuer. Nach einer Weile, als Marguerite in seinen Armen eingeschlafen war, legte er sich hin und zog sie mit sich in seine Arme.
Er hatte gemerkt, wie schwer es ihr gefallen war, über ihre Vergangenheit zu sprechen, über das was ihr in ihrer Kindheit angetan wurde. Er hatte jedoch das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Dass sie später noch viel mehr hatte leiden müssen. Er konnte nicht genau sagen, woher er es wusste, es war eher wie eine Ahnung.

Früher oder später würde er sie danach fragen. Auf jeden Fall war ihm eines klar: egal was Marguerite im Krieg oder davor für Verbrechen begangen hatte, er würde sie deswegen keinesfalls verstoßen oder verachten. Denn was sie allein schon in ihrer Kindheit erlebt hatte entschuldigte alles.

Er sah in ihr schlafendes Gesicht und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Ich liebe dich Marguerite" flüsterte er und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Dann machte auch er die Augen zu und schlief bald ein.

***

Als Roxton am nächsten Morgen aufwachte, war ihm kalt. Das Feuer war ausgegangen und Marguerite war verschwunden.
Er sprang auf und sah, dass ihre Klamotten ebenfalls nicht mehr da waren. Sie musste heimlich still und leise aus seiner Umarmung geschlüpft sein und sich angezogen haben. Doch wo war sie jetzt?

Als er vor die Höhle trat raubte es ihm fast den Atem: die Luft war angenehm frisch nach dem Regen und auf dem kargen Felsboden, wo gestern noch nichts als Staub lag, wuchsen nun Blumen und Pflanzen soweit das Auge reichte. Es war wunderschön. Und Marguerite stand mitten in dem Blumenmeer und pflückte eine bestimmte Sorte. Challengers Pflanze!
Roxton konnte nichts sagen, er schaute ihr nur fasziniert zu, wie sie die Pflanzen nochmals mit der Zeichnung verglich, die Challenger für sie angefertigt hatte, damit sie auch ja die richtige Pflanze mitbrachten.
Marguerite nickte zufrieden und ging dann gedankenverloren mit dem Büschel in der Hand in Richtung Höhle, sah aber weiter auf die Zeichnung. So bemerkte sie Roxton nicht und wäre fast in ihn hineingelaufen, wenn er nicht gesagt hätte: "guten morgen Marguerite!"

Sie erschrak fürchterlich und stolperte. Wenn Roxton sie nicht aufgefangen hätte, würde Marguerite jetzt wohl noch einen verstauchten Knöchel mehr haben.
"Roxton" rief sie aufgebracht. "Erschreck mich doch nicht so!"
Ihr Gesicht war ganz nah vor seinem, und ihre Lippen berührten sich fast. Seine Hände lagen auf ihrer Taille. "Tut mir leid" flüsterte Roxton und gab ihr einen kleinen, zärtlichen Kuss auf den Mund.
Marguerite hatte eigentlich gehofft, mehr davon zu bekommen, aber er nahm seine Hände von ihrer Taille und fragte: "wie geht es deinem Knöchel? Kannst du schon wieder laufen?"
"Klar kann ich das, hast du ja gesehen. Wenn ich keinen Sprint hinlegen muss dann ist alles in Butter!" meinte sie. "Aber an deiner Stelle würde ich mir als aller erstes mal was anziehen! Die Sachen sind trocken!"
Sie grinste Roxton an, der immer noch in seine Decke gehüllt, vor ihr stand. "Ja da hast du wohl recht" gab er zu und ging nach Marguerite in die Höhle zurück um sich anzuziehen.

Als alles fertig gepackt war, machten sich die beiden auf die Heimreise. Roxton hatte sich noch mehrmals erkundigt, ob Marguerite tatsächlich keine Schmerzen mehr beim Laufen hatte und sie hatte ihm jedes Mal genervt erklärt dass alles in Ordnung war.

Auf der Heimreise redeten die beiden nicht viel miteinander.
Marguerite war wieder wie ausgewechselt. Gestern Abend war sie völlig fertig, am Boden zerstört und hatte viel geweint. Sie hatte ihm einen kleinen Einblick in ihr Herz gegeben, aber heute war sie wieder die alte Marguerite. Es kam Roxton fast so vor, als hätte sie die Mauern um ihr Herz noch dicker wieder aufgebaut, als sie vorher waren.
Er nahm sich vor, später am Tag noch einmal mit ihr darüber zu reden.

Als sie um die Mittagszeit am Baumhaus ankamen, trafen sie Finn, die den Garten richtete.
"Hey da seid ihr ja wieder! Wir haben uns schon gedacht, dass ihr bei dem Wetter gestern einen Unterschlupf gesucht habt und erst heute zurückkommt. Schaut euch nur mal den Garten an!" sagte sie und deutete auf die verwüsteten Beete. "Alles kaputt. Es wird ne ganze Weile dauern bis alles wieder in Ordnung ist! Habt ihr die Pflanze gefunden?"
"Ja haben wir, aber erst heute morgen. Gestern war in dem Gebiet nichts als Staub und Felsen, aber heute nach dem Regen war alles voller Blumen und Kräuter" erzählte Roxton.

"Das ist echt faszinierend" fand auch George Challenger als sie ihm kurz darauf die Pflanze brachten. "Die Samen müssen in den Felsspalten überdauert haben, bis der nächste Regen kam. Wirklich faszinierend. Sagt mal Kinder gab es da noch andere Pflanzen?" fragte er.
"Ja jede Menge" sagte Marguerite.
"Faszinierend. Ich werde gleich morgen früh aufbrechen und mir selbst ein Bild davon machen. Kommt ihr mit?" fragte er Roxton und Marguerite.
"Ich glaube wir haben für die nächsten paar Tage genug erlebt George" meinte Roxton, wobei ihm nicht der erleichterte Ausdruck auf Marguerites Gesicht entging.
"Na gut dann werde ich Finn fragen. Vielleicht möchte sie für unseren Garten ein paar von den Blumen mitnehmen und sie dort einpflanzen!"
Somit widmete sich Challenger der Pflanze und Roxton und Marguerite gingen, um sich anderweitig zu beschäftigen.

Abends nach dem Essen gingen Finn und Challenger früh schlafen, da sie am nächsten Tag früh aufbrechen wollten. Auch Roxton und Marguerite gingen früh in ihre Zimmer.
Doch Roxton konnte noch nicht so recht einschlafen. Er sorgte sich immer noch um Marguerite. Er fand es nicht gut, dass sie so tat, als wäre nichts gewesen.

Als er es nicht mehr länger aushielt, stand er auf und ging zu ihrem Zimmer. Wie er gehofft hatte, schlief sie noch nicht.
Marguerite saß auf ihrem Bett, hatte die Stiefel ausgezogen und hielt einen Eisbeutel an ihren rechten Knöchel, der immer noch ziemlich geschwollen war.
Roxton klopfte leicht an den Türrahmen, worauf Marguerite aufschreckte. "John! Im Erschrecken bist du wirklich gut, das muss man dir lassen" sagte sie sarkastisch.
"Darf ich reinkommen?" fragte er.
"Was würdest du machen wenn ich nein sage?" startete sie eine Gegenfrage.
"Ich würde fragen warum" sagte er, trat trotzdem ein und setzte sich neben sie auf das Bett.
"Ist doch noch nicht so abgeheilt, wie du dachtest?" fragte er und deutete auf ihren verletzten Knöchel. "Ich hab mich wohl ein wenig überschätzt" gab sie zu und wechselte den Eisbeutel.
"Warum tust du so als ob nichts gewesen wäre?" fiel er mit der Tür ins Haus. Marguerite sah in nur verständnislos an.
"Gestern Abend warst du wie ein verschrecktes Reh, hast viel geweint und du hattest schreckliche Angst. Und heute tust du so als ob das nie stattgefunden hätte" erklärte er und sah sie durchdringend an.
Sie sah weg und meinte nur: "was gestern war ist doch schon vorbei. Außerdem bin ich müde. Würdest du also bitte gehen. Meinem Fuß geht es morgen sicher wieder besser, also du siehst, du brauchst dir keine Sorgen zu machen" sagte sie freundlich, aber ihre Stimme zitterte bereits wieder leicht, genauso wie gestern, bevor sie angefangen hatte, zu weinen.

"Ich mache mir keine Sorgen um deinen Fuß sondern um dich" sagte er, ohne vom Bett aufzustehen.
"Um mich?" fragte Marguerite verblüfft und sah in dann doch an. "Das brauchst du nicht, mir geht es gut" sagte sie schnell und gefasst.
"Ach ja? Das sehe ich aber anders" fing er an. "Du baust eine undurchdringliche Mauer um dein Herz, damit niemand sieht, wie verletzt und traurig du in Wirklichkeit bist. Du meinst es hilft dir dabei, stark zu sein und das Geschehene zu vergessen, aber glaub mir, dadurch wird es nur noch schlimmer. Ich habe das selbst auch schon durchgemacht und..."

"Hör auf" rief sie, stand auf und begann nervös im Zimmer herumzulaufen. "Du hast keine Ahnung wie es ist immer allein gewesen zu sein. Du hattest eine harmonische Kindheit und du hast eine Familie die auf dich wartet. Ich habe das nicht. Du weist nicht, wie es ist!" schrie sie ihn an.
Roxton war mittlerweile aufgestanden und zu ihr rüber gegangen. Nun stand er vor ihr und streckte die Hand nach ihr aus, doch Marguerite wandte sich ab und lief quer durch das Zimmer zum Balkon. "Bitte geh" sagte sie noch einmal.
"Willst du wirklich dass ich dich jetzt alleine lasse?" "Ja" sagte sie leise, doch eine Stimme in ihr schrie nach ihm `nein bitte bleib bei mir` .
Roxton seufzte. "Bist du sicher?" Er stand jetzt direkt hinter ihr und legte zärtlich eine Hand auf ihre Schulter.

Margerute drehte sich um und sah ihm ins Gesicht. Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Ich weis nicht" antwortete sie unsicher.
Er antwortete nichts darauf und nahm sie einfach in seine Arme. Dankbar legte Marguerite ihren Kopf an seine Schulter. Er ging zum Bett, legte sich hin und zog sie mit sich.
So lagen sie ein paar Minuten ohne etwas zu sagen, sondern genossen einfach die Nähe des anderen.
"Ich würde dir gern mehr über mich erzählen" sagte Marguerite schließlich. "Aber ich weis nicht, ob ich jetzt schon bereit dazu bin."

Roxton drehte sich so, dass er in ihre Augen schauen konnte. Liebevoll fuhr er mit seinem Zeigefinger die Konturen ihres Gesichtes nach.
"Alles zu seiner Zeit" sagte er zärtlich. "Wenn du bereit bist, kannst du immer zu mir kommen. Du brauchst dich nie mehr einsam fühlen. Nicht nur ich, sondern auch die anderen mögen dich sehr."
Er beugte sich leicht vor und küsste sie sanft auf den Mund. Sofort erwiderte Marguerite den Kuss. Er wurde immer intensiver und als sich ihre Lippen schließlich wieder voneinander lösten, waren beide ein wenig außer Atem.
"Danke John" sagte Marguerite. "Für alles was du für mich getan hast. Ich bin nur so furchtbar müde" gestand sie.
"Dann komm her" sagte Roxton und zog sie wieder in seine Arme. Beide schliefen schnell ein und Marguerite war froh darüber, dass er nicht gegangen war, wie sie es vorhin von ihm verlangt hatte.
Sie wusste nicht, warum er das alles für sie tat. Noch nie hatte ihr ein Mensch soviel Zuwendung und Verständnis entgegengebracht wie Lord John Roxton.
Sie war sich sicher, wenn sie ihm alles erzählte, dann würde er sich nicht abwenden oder sie beschimpfen. Er würde sie verstehen. Aber noch war es nicht soweit.
Und wenn es soweit war, dann würde sie gerne seine Einladung annehmen.

***

ENDE


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